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Full text of "Unsere geistige Bildung"

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Dr. Ludwig Nohl. 



Zum erhabensten Geschäfte, 
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Unsere 



Geistige Bildung, 



Von 



Dr. Ludwig Nohl. 



Zum erhabensten Geschäfte, 
Zu DER Bilduno aller kräfte! 

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VERLAG VON EDWIN SCHLGEMP. 
1877. 



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VoTAA^ort. 

Meran im Frühjahr iSyS. 

Die nachstehenden Darlegungen über den Stand unserer all- 
gemeinen Bildung und die Mittel und Wege dieselben auch zu einer 
wirklich umfassenden und vollständigen zu machen, eine Art 
Denkschrift für unsere höheren Unterrichtsanstalten und mehr 
noch für Jeden, der auf wirklich deutsche Bildung Anspruch macht, 
sind Ausführung einer Skizze, die ihre Entstehung zunächst den 
Eindrücken bei der Eröffnung der Reichsuniversität und dann dem 
wiederholten Besuche in Strassburg verdankt. 

Doch konnten, das gestehe ich, die dort empfangenen Ein- 
drücke upd überhaupt die Frage, was denn durch solche Neube- 
gründung von Universitäten an wirklichem geistigen Besitz gebracht 
werde, in mir selbst nur all die Erfahrungen und Beobachtungen 
zusammenschliessen, zu denen seit mehr als zwei Jahrzehnten der 
öftere Aufenthalt an den Hauptstätteh unserer Bildung und Unter- 
richtung durch ganz Deutschland und Oesterreich stets neuen 
Stoff gegeben hatte. Denn ich erfuhr, überall das Gleiche: dass 
tben an den entscheidenden Sitzen unserer höheren Cultur, sosehr 
lieselben berufen sind, stets das Gesammte unseres geistigen Da- 
eins mittheilend und erläuternd zu umfassen, ein wesentliches 
Jebiet aller höheren Bildung, das ästhetische', trotz allem 
chönen Anschein und manchem kräftigen Anlauf im Ganzen 
och so gut wie ausgeschlossen und nach seinem Wesen und Be-* 
euten sogar durchaus unerkannt ist. Und man erlebt wohl gar, 
ass das Bemühen um ein^ wirkliche ästhetische Durchbildung, 
ine welche ja auch die fruchtbringende und dem Leben der 
iche selbst entsprechende Darstellung der künstlerischen Pro- 
iction der verschiedenen Zeiten und Nationen unmöglich ist, 
tmal von den gesetzten Wächtern der akademischen Weisheit, 



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— II — 

die doch selbst jahraus jahrein mit dem reinsten Hort ästhetisch 
Herrlichkeit, mit der Antike, sich zu beschäftigen haben, ang 
schaut wird, als komme es direct aus dem Hörselberg. und v< 
der Frau Venus selbst. 

Da ich nun persönlich des Vortheils genossen habe, auss 
der Literatur nicht allein, was ja durch Museen, Ausstellungen ei 
heutzutage in gewisser Weise Jedem offen steht, die bilden 
Kunst kennen zu lernen und bis zu ihren Schatzstätten in Frar 
reich, Italien und weiter vorzudringen, sondern auch in Musik uj 
Theater seit den letzten Jahrzehnten fast überall mit dabei g 
wesen zu sein, wo etwas Bedeutendes oder nur Neues geschü 
vor allem aber die für unsere Epoche ästhetisch und ethisch glei 
entscheidenden Productionen der neuesten - Kunst durchweg 
Ort und Stelle mit erleben und solcherweise den Werth und < 
Würde der Kunst auch in unseren Tagen persönlich erfahren 
können: so durfte ich wohl annehmen, bei den stets neu dar| 
botenen äusseren Anlässen, zu denen kürzlich der kräftig \ 
gonnene Wiedereintritt Oesterreichs in die Anforderungen < 
deutschen Geistes- und Universitätslebens hinzugekommen,.ein Rec 
zu haben, den hier waltenden Zusammenhang oder vielmehr < 
klaffende Lücke, die hier in unserer Bildung ist, einmal offen dj 
zulegen, und ich werde meine Absicht für erreicht halten, we 
diese Skizze der bestehenden Bildungstendenzen den Anstoss 
einer "allgewünschten Neurevision des so wichtigen Gesamn 
Organismus' unseres geistigen Lebens und besonders der höher 
Unterrichtsanstalten verstärkt. Mindestens aber soll nicht gesi] 
werden können, wir die wir uns um diese so auffallend v( 
nachlässigte Seite unserer geistigen Gesammtexistenz näher zu 1; 
kümmern i^nlass haben , hätten uns nicht in unserer Pflicht | 
rührt und nicht zur rechten Zeit dem öffentlichen Bewussts« 
"auch reinen Wein eingeschenkt. 



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Unsere geistige Bildung. 



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Nohl, Unsere geistige Bildung. 



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I. Thesen. 

(Religion. Wissenschaft Kunst,) , 

Es macht sich, nachdem endlich wieder politische Einheit 
und Selbstständigkeit* bei uns hergestellt worden sind, mit 
stets wachsender Ausdehnung in der Nation das Bewusst- 
sein geltend, dass es der gleichen Zusammenraffung aller 
Kraft bedarf, um uns allmählich auch in geistiger Hinsicht 
auf diejenige Stufe der Ausbildung und Selbstständigkeit zu 
erheben, welche einer Naturanlage entspricht, die nicht so- 
• wohl die möglichst virtuose Entfaltung irgend welcher einzelnen 
intellectuellen Potenzen, sondern jene totale geistige 
Bildung, jene Entwicklung des ganzen Menscheii zu 
ermöglichen scheint, welche unsere von uns selbst am 
meisten betonte „Universalität", erst zur Wirklichkeit machen 
würde. 

Bei freiem Einblick in unser geistiges Dasein müssen 
wir uns sagen, dass von jener vollen plastischen Gestalt, 
die durch solche harmonisch allseitige Ausbildung auch in 
unserm inneren Wesen gewonnen werden kapn und die uns 
wie in ihrer Kunst so in ihrem gesammten Dasein die Welt 
der alten Griechen auf eine weder vorher noch nachher ge- 
sehene Weise darstellt, trotz aller vielgerühmten Wissen- 
schaft, Kunst und Literatur bei uns im Grunde noch gar 
wenig zu sehen ist, . — dass wir trotz jener so allerseits be- 
haupteten geistigen Gesammtbildung und Anlage immer 
noch mehr Römer als Griechen sind. 



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— 4 — 

• 

Es fehlt uns zu einer wirklichen Totalbildung und \ 
menschlichen Erscheinung noch zu sehr an der zu frei: 
Besitz und Gebrauch gebrachten inneren Art und Put. 
unserer Natur. Vor allen anderen Nationen sind i^ir Deutsu 
an dem Gängelbande einer blos scholastischen Gelehn: 
und einer ebenso vorzugsweise auf einseitige Verstar.c; 
bildung gerichteten ,^chönen Literatur" auch durchweg : 
in unserem Unterscheidungsvermögen, in den intellectut. 
Thätigkeiten unseres Geistes unterrichtet und ausgebL 
worden. Und diese „Intelligenz" regt so fleissig die Hr. 
und bildet so unausgesetzt geschäftig tausenderlei Bilder u 
Gestalten , * dass wir durch diesen doch im Grunde : 
scheinbaren Reichthum über den wahren Zustand unsi: 
Gesammtbildung und geistigen Entwicklung gar nicht l 
werden und namentlich über die dabei durchweg zunehme: 
Verkümmerung der tiefer liegenden und eigentiich prod. 
tiven Kräfte unseres Wesens völlig hinwegsehen und ni: 
und mehr mit diesem äusserlich glänzenden Scheinbe^ 
uns täuschen lernen. 

Möge man diese höheren Potenzen innerlich fn 
Gemüthskraft oder jene hehre Macht des Willens ir 
der That nennen , die alle grossen Dinge in der Welt . 
macht, oder endlich jene innere Anschauungs- und war 
Einbildungskraft, die allein dem Menschen ein Bild sein: 
selbst wie der Welt entwirft, das wahr und wirklich ur 
ihm entsprechend ist: — wir müssen uns gestehen, dassr. 
in sehr einzelnen und vom Glück besonders begünstig: 
Fällen uns diese grossen Gesammtkräfte der Menschheit 
allerdings überwältigender Erscheinung als Männer de 
That und des Gedankens oder als wirklich schaffen. 
Genien der Kunst begegnen, dass aber unser Dasein i3 
allgemeinen noch in hohem Grade der freien Entfaltun 
jener inneren Kräfte entbehrt und unsere Bildung durchaJ 
mehr' einer Fläche gleicht, auf die Leben und Geschieht 
mit kahlem trockenen Stift ihre Thatsachen verzeichnen, a! 
dass sie jene volle Tiefe und Unbeschränktheit des Räume 
hätte, in der sich die Eindrücke des Lebens zu ganzei 




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- 5 — 

Bildern, zu jener vollen Plastik der Erscheinung auszubilden 
vermöchten, die nicht blos das Leben selbst nach seiner 
inneren Wahrheit und Fruchtbarkeit abspiegelt, sondern was 
mehr ist, selbst wieder Individualitäten und ganze 
Menschen schafft, die die Kraft dieses Lebens weiter 
entwickeln. 

Liegt es an der mangelnden Nachdrücklichkeit und 
Eindringlichkeit bei der Erziehung in unserem Kindesalter, 
das ja doch vor allem durch die erhabenen Bilder des 
religiösen Fühlens und Denkens der Menschheit ge- 
nährt und so von vornhinein selbst zu einem kräftigen Er- 
fassen des Ganzen der Welt und der wahren Ziele unseres 
Daseins entwickelt werden soll, — liegt es an der einseitig 
philologisch-literarischen Abrichtung und auf den blossen 
Intellect zielenden Ausbildung in unseren höheren und 
niederen Schulen, dass jene inneren und das Ganze er- 
fassenden Fähigkeiten unseres Geistes verhältnissmässig so 
wenig zur Entfaltung und Verwerthung gekommen scheinen, 
— wir wollen hier über eine so complicfrte und sehr ver- 
schiedenartige Seiten und Erscheinungen unseres Daseins 
berührende Sache nicht so kurzweg absprechen noch ent- 
scheiden. Aber wohl wird ein unbefangener Ueberblick 
über unsere Gesammtbildung zu dem Resultat gelangen^ dass 
wir nach dieser Seite unseres Wesens und Könnens noch 
gar sehr vernachlässigt erscheinen und keinesfalls auf der 
Höhe unserer Intelligenzbildung und noch viel weniger 
auf der unserer angestammten Geistesart und Anlage stehen. 

Es sei nun im Nachstehenden versucht, zunächst über 
das gegenseitige Verhältniss der drei grossen Geistesgebiete, 
irj denen der Mensch sich selbst nach seinem dauernden 
Wesen ausbildet und erzieht, einiges Orientirende zu geben 
und dann die Gesichtspunkte aufzustellen, unter denen diese 
weitumfassenden Lebensgebiete zu betrachten und in frucht- 
bringende Wechselwirkung zu setzen sind, zum Schluss aber 
davon einige Anwendung auf den Bestand und das Bedürfniss 
unseres höheren Bildungs- und Erziehungswesens zu machen. 
Dass dabei jedes nähere Eingehen und Beweisen wegfällt. 



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— 6 — 

liegt in dem Zweck solcher blossen fliegenden Literarij 
die zunächst nur zur Betrachtung und Erwägung cj 
mannigfachen Erscheinungen und Erfordernisse des Lebe» 
anzuregen hat. 

Und zwar seien zu diesem Zweck die folgenden Thes 
aufgestellt, deren Ausführung und Begründung einer spätere 
Gelegenheit aufbehalten bleibt Sie lauten: 

Schönheit, d. h. vollendete Individualität der E: 
scheinung ist Bestätigung der Wahrheit. Die Kun^ 
al§o, nämlich das Können dieser vollendeten Darstellung s 
in unserem Sinne hier Verwirklichung des Wisser 
der „Wissenschaft" im Verstände jener Stelle im Faust: 

„Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, 

Des Menschen allerhöchste Kraft!" 

das heisst hier das Wissen von dem Zusammenhang d; 
Dinge, das in der sogenannten „Vernunft" instinctiv und d 
bewusst thätig ist, nicht aber die „Wissenschaften,'^ die a. 
Erforschung und Constatirung des Einzelnen ausgehen uc 
der Regel nach auch dabei beharren. 

Die Wissenschaft ist wie der Bergmann, der L 
Erz und im besten Falle gar das reine Metall zu Ta: 
fördert. Allein selbst dieses nimmt ihm die Welt nie: 
leicht in solcher noch ungestalteten Form ab: das Schör. 
die Kunst gibt erst all solchen an sich unwerthen Schätze 
jenes Gepräge, das dieselben zu allgeltenden Werthen mad 
Das Wissen an sich ist absolut und transcendental, als solch: 
also im Grunde un- oder doch vormenschlich und elementa 
wesshalb der Volksmund in der Sage es auch den über 
oder untermenschlichen blossen Natur- und Sinnenwese 
zuschreibt. Wie es denn auch gleich dem Riesen im Mythc> 
gern dieser seiner Elementarkraft sich rühmt und sogar über 
hebt, ja seiner Natur nach zu Gewaltthat und Eigensinn neig 
wie dieser! 

Das Können dagegen, die Kunst des Gestaltens, a! 
selbst aus dem schaffenden Puls dieser einen concreten un: 
irdisch zufälligen Creatur hervorgehend, ist auch seinersei:^ 



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— 7 — 

concret lebendig und individuell menschlich, daher *auch in 
Existenz und Gebahren nicht zur Ueberhebung und Herr- 
schaft über das Ganze neigend noch überhaupt eigene 
Zwecke verfolgend, sondern voll naiver Freude an dehi 
Schaffen und Können aller Welt, aus dem es selbst hervor- 
gegangen, — eine lebendige Verwirklichung jenes wunder- 
lichen Knaben im Märchen, der daheim im Schloss nur 
Gärtnerbursch war, aber wenn es Grosses galt und das 
Reich in Gefahr stand, auf leuchtendem Ross zu Sieg und 
Herrlichkeit führte. Nachher war er wieder der simple 
Gärtner, bis die Prinzessin selbst, einmal, als ihm die bergende 
Mütze heruntergefallen, sein goldenes Haar entdeckte. Da 
blieb er nicht mehr Gärtnerbursch. Wird auch bei uns 
einmal, werfen wir dazwischen, dieses goldene Haar des 
Genius der Nation entdeckt und er in seine Rechte als eine 
gleichgelfende höhere Function und Thätigkeit unseres Da- 
seins gesetzt werden? — Sein gewohnter Fehler, „zu wenig 
auf sich zu halten und aus sich zu machen" lässt ihn am 
Ende noch gar lange solch ein „deutscher Michel" bleiben. 

Doch weiter in den sonderlichen Thesen selbst. 

Der früheste und ursprüngliche Ansatz zur praktischen Be- 
stätigung und Verwirklichung des Wissens von der Welt und 
ihrem Zusammenhange ist die Religion. 

Sie ist sozusagen eine Vereinigung jener Wissenssub- 
stanz, die jedoch unmittelbar durch die Kraft des Glaubens, 
eine ebenso positive und eigengeartete Potenz wie die des 
Wissens und Könnens und reiner menschenhaft als jene 
erstere, erfasst .worden ist, — eine Vereinigung des Wissens 
mit der Vorstellung und dem Bilde des Wahren und Ewigen, 
das uns dann durch das Schöne, durch die Kunst erst 
völlig rein und sinnenhaft anschaulich bereitet werden soll. 
Daher ist sie, die Religion, wenn man so sagen darf, so un- 
vergleichlich populär und so allbeglückend, und wird dies 
für alle Menschenzeiten bleiben. Denn solches unmittelbare 
Bedürfen und Ergreifen des Ganzen und Wahren mit allen 
Sinnen und Gedanken erzeugt sich stets und überall im 
Menschengeschlecht aufs neue und kann eben im grossen 



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— 8 — 

und ganzen auch nur in dieser Gestalt und Aeusserung 
wahrhaft befriedigt werden. Ja selbst das Bedürfniss nach 
.wirklicher Erscheinung des Ideals, wie es die reinmensch- 
liche Kunst erzeugt, beruht in seinen tieferen Gründen auf 
jenem religiösen Gefühl und Verlangen, das im Gemüthe 
stets wieder die unmittelbare Verbindung (religio) mit dem 
Ewigen und Allwaltenden herstellt, und würde eben ohne 
dasselbe in seinem letzten Können stumpf und unfruchtbar 
sein. Es würde dann nur „ästhetische" Bildung und Be- 
schäftigung walten, nicht aber jene hohe Empfindung und 
Thätigkeit, die in der Gestalt des reinen Schönen die er- 
habene Wahrheit selbst darbietet. Es ist dies, um wiederum 
etwas Concretes zu berühren, der eigentliche Grund der 
noch heute so unwiderstehlich ergreifenden Macht der Antike 
und einer Raphaelschen oder Holbeinschen Madonna. Sie 
sind das Abbild eines unmittelbar mit dem inneren Schauen 
ergriffenen Wahren und Ewigen der Menschheit und haben 
dadurch das Zufällige historischer Erscheinung völlig über- 
wunden. 

Sie alle drei aber, Religion, Wissenschaft, Kunst 
sind in gleicher Weise ein unumgängliches Bedürfniss und 
durch nichts zu ersetzendes Bedingniss menschlicher Existenz, 
und wer ihrer einer nach ihrer wirklichen Natur und Potenz 
enträth, steht in seiner Bildung unterhalb des Wesens der 
wahren Menschennatür oder ist des thörichten Wahnes, — 
schon darüber hinaus zu sein. Daher wir denn auch diese 
drei entscheidenden Lebensmächte als die wahren Nornen. 
die unser Schicksal in der Welt entscheiden, von je bei 
allem Thun und Schaffen, das der Welt diente und der Bildung 
unseres Geschlechts weiter half, vereinigt finden. Und nur 
in diesem Zeichen kann etwas geschehen, das für Alle 
gilt und selbst für die Nachlebenden noch fruchtbringenden 
Bestand hat. 

Entspricht nun die moderne und speciell die deutsche 
Bildung diesem Grundbau unseres vollen und dauernden 
menschlichen Wesens? — Eitle Täuschung darüber würde 
uns von unserem wirklichen Ziel nur weit ab, statt ihm 



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— g — 

näher führen. Es sei daher hier in einem übersichtlichen 
Abriss untersucht, wie es speciell in dem einen dieser 
Lebensgebiete, der Kunst und der Kunstwissenschaft, 
die uns persönlich näher angehen , mit unserer allgemeinen 
Bildung steht und namentlich was auf unseren höheren 
und entscheidenden Bildungsanstalten an Geltung und 
Pflege dieser Dinge geboten oder auch der Zukunft aufbe- 
halten ist. 



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IL Aesthetische Cultur. 

Um von vornhinein einem leicht eintretenden Missver- 
stehen unserer Meinung vorzubeugen sei bemerkt, dass es 
sich bei demjenigen, was wir hier als Ergänzung und har- 
monischen Abschluss unserer Gesammtbildung fordern, nicht 
entfernt um jenes banale „Kunstverständniss" handelt, das 
in Museen, Cohcerte, Theater oder gar nach dem Lande 
läuft „wo die Citronen blüh'n", um eben „auch einmal ins 
Volle zu greifen", wie in Rom ein älterer Aesthetiker der 
jugendlich vorlauten Ironie eines Künstlers antwortete, der 
angesichts all der Herrlichkeit der Kunst selbst dort in seiner 
frohen frischen Aufnahme dieser zweiten Schöpfung allerdings 
am wenigsten begreifen konnte, was denn „der Herr Professor" 
. da in Italien thue. Dies ist wie die früher so allgemein urgirte 
Forderung eines „guten Geschmacks" eben nur eine ange- 
lernte Modesache, die zu den übrigen Dingen unserer Con- 
versationslexikonsbildung und guten Lebensart als letzten und 
feinsten Firniss eben auch noch dieses heutzutage besonders 
beliebte ,',Kunstverständniss" hinzunimmt, aber nichts mit dem 
inneren und wirklichen Wesen des Menschen und seiner 
Bildung zu thun hat, ja denselben im Grunde völlig in jenem 
guten oder üblen Bestände bestehen lässt, den eben die 
wahre ästhetische Cultur ändern oder doch cultiviren d. h. 
zu höherer menschliehen Reinheit und Freiheit führen will. 

Allein ganz ebenso wie wir solchen blossen ästhetischen 
Dilettantismus auf das entschiedenste abweisen, kann hier 
nicht von der Forderung dessen Rede sein, was man „künst- 
lerische Bildung" nennt. Dies ist eine Berufssache wie 
jede andere und am allerwenigsten auf der Heerstrasse 



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— n — 

sogenannter allgemeinen Bildung zu finden. Denn wie wollte 
man, was die volle Kraft und Thätigkeit eines Menschen, ja 
oft ein ganzes Leben in Anspruch nimmt und ausfüllt, auf 
das allgemeine Dasein und Bedürfniss ausdehnen! — Künst- 
lerische Bildung gehört dem Künstler, macht eine Haupt- 
eigensfhaft bei ihm aus und wird in wahrhafter Existenz 
einzig durch eigenes Produciren gewonnen. Wer sie also 
besitzt, — und es giebt in der That solcher Männer und 
Frauen auch bei uns heute so gut wie ehedem, — der ist 
nicht mehr blos ein „gebildeter Mann" sondern schon selbst 
in seiner Art Künstler; — obwohl es umgekehrt aller- 
dings auch praktisch producirende „Künstler" gibt, — und 
sie sind leider nicht einmal in der Minderzahl, — die eine 
wahre künstlerische Bildung ganz so wenig besitzen und in 
ihrem Schaffen eben so wenig bethätigen wie jener blos 
ästhetisirende Dilettantismus, der zu anderen Geistreichigkeiten 
und Gebildetheiten auch noch die „Kunstkennerschaft" hin- 
zufügt, die wir dann bei den modernen Geldfürsten und vor 
allem den ephemeren „Gründern" zu einem ganz eigenge- 
arteten Mäcenatenthum emporsteigen sahen. 

Beides geht die wahre Gesammtbildung, die dem 
deutschen Geist aufbehalten zu sein scheint, in keiner Weise 
etwas an und würde im Grossen und Allgemeinen den 
wahnvollen Irrthum darstellen, den im Einzelnen und Kleinen 
ein Mann wie David Strauss beging, als er, dem eigent- 
lichen Gehalt und Wesen des Religiösen sich immer mehr 
entfremdet und von dem materialistisch unlebendigen Wesen 
riioderner Wissenschaft im tiefsten Grunde des Herzens un- 
ausgefüllt fühlend, — eine Schauspielerin heiratete. 

Selten, das ist hier von Werth zu betonen, hat sich das 
heilige Wesen der Kunst, wo sie als echte Himmelstochter 
auftritt, reiner in seinem Gegensatze gegen das roh gewalt- 
thätige Ergreifen bewährt, das hier die sogenannte moderne 
Wissenschaft und Bildung zu blos eigensüchtigem Zwecke 
gegen den höheren ästhetischen und sogar ethischen Bestand 
unserer Cultur beging. Ja kein deutlicheres Beispiel, wie wir 
es nicht meinen, könnte aufgestellt werden als diese Art, 



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— 13 — 

wie* nun im Gefühle, dass bei aller „Gottähnlichkeit" im Er- 
kennen des Guten und Bösen die goldenen Aepfel eines 
höheren und wahren Lebens stets mehr schwanden, eine 
solche wissenschaftlich hochstehende, jedoch bei aller ästhe- 
tischen Speculation und sogar dichterischen Expectoration 
im tiefsten Grunde anästhetische Natur sich so ohne weiteres 
wie im Märchen der unholde Riese das holde Menschenkind, 
auch das heilbringende uftd stets verjüngende Gut der wahren 
ästhetischen Cultur rauben wollte und dabei die Unvollen- 
dung und Rauhheit der eigenen Natur ins volle Licht stellte. 
Sie, die Schauspielerin Agnese Schebest, blieb dem Dienst 
ihres Höheren eine getreue Priesterin, jede Zeile ihrer Er- 
innerungen „Aus dem Leben einer Künstlerin" (Stuttgart iSS/) 
bestätigt diesen edleren Bestand ihres Wesens in echt 
menschlich rührenden Zügen. Ja die volle Höhe solchen echt 
menschlich ethischen Bestandes documentirt sich darin, dass 
sie mit keinem \Vorte jenes persönlichste und tiefste aller 
Lebensverhältnisse berührt, das ihr gewiss einst auch den 
Himmel jener „höheren Geistesbildung" versprochen, nach 
welchem die echte Künstlerseele ebenso gläubig sehnend 
aufschaut wie das weibliche Herz nach jenem Glück der 
Liebe, das doch ewig nur aus sich selbst sich gebiert, — 
jenes Verhältniss, das dann anstatt des erträumten Himmels 
gewiss ihrer reinen Menschen- und Künstlernatur jene volle 
Hölle gebracht, die solchem Empfinden die Verbindung mit 
einem Manne sein musste, der so wie David Strauss die 
Kunst gleich dem Weibe nur als ein dem Mann und Geiste 
glücklich vorbehaltenes höheres Genussmittel erfasst hat unid 
diese seine echt barbarenhafte Grundanschauung auch mit 
der vollen Naivetät des „höheren Bewusstseins" zuletzt noch 
ganz deutlich — wir meinen den letzten Abschnitt des 
„Neuen und des alten Glaubens", der nach dieser Seite 
dilettantenhaften Unverstehens des Wesens und der Wirkung 
der Kunst in unserer deutschen Literatur seines Gleichen 
einzig in einem weiter unten zu erwähnenden Exempel hat, 
— sich selbst zu einem Andenken aufstellte, welches das 
De mortius nil nisi bene ganz von selbst aufhebt. Derartige 



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— i3 — 

Erscheinungen unserer Tage sagen beredter als alles Andere, 
was uns hier nicht angeht und wie es in der That heute 
auf diesem Gebiete schwerer als irgendwo ist „den falschen 
Weg zu meiden". 

Was aber unsere geistige. Bildung und vor allem die so 
glorios horoscopirte deutsche „Totalbildung" wirklich und 
wenn sie zu jener wahren Gesammtbildung werden soll, 
sehr viel angeht, das ist die allerdings höhere aber doch 
nur allgemein -menschliche Fähigkeit, die Welt im Ideal 
d. h. als ein Ganzes und Ewiges anzuschauen. Und 
diese Fähigkeit, allerdings zugleich die Grundlage alles wirk- 
lichen Kunstschaffens, ist demnach, da^ sie als Facultät im 
natürlichen Menschenwesen liegt, auch an einem Jedem als . 
wirkliche Eigenschaft und Potenz auszubilden. Ihre Ausbil- 
dung aber geschieht nicht sowohl durch theoretische Lehre 
als durch Bild und Beispiel und vor allem durch Schauen 
und Ergreifen des lebendigen Lebens selbst. Doch gedeiht 
sie nur dann zu einer wirklichen Fähigkeit und je nach dem 
^asse ihrer Entwicklung zu einer praktischen Kraft, wenn sie 
wie Sinne und Sprache von erster Jugend an unbewusst und 
unwillkürlich geübt wird, und dies geschieht eben nur durch 
f)ersönliches Erfahren und möglichst unmittelbares sinnlich- 
geistliches Erfassen der Dinge. 

Hier also, um wenigstens vorerst einigermassen greifbar 
den schwer zu begreifenden Weg solcher Ausbildung der 
inneren und höchsten Potenz des Menschen anzudeuten, ist es 
vor allem die Macht der religiösen Vorstellung, die wie 
keihe andere, auch die Kunst nicht und am wenigsten die 
blos verstandesmässige Unterrichtung, das Ganze solcher 
Idealanschauüng und einer Totalthätigkeit unseres Geistes 
leitet und sozusagen für alle kommenden Tage fundamentirt 
und dotirt, indem sei ihre unvergleichliche Fähigkeit entfaltet, 
dem unbeirrt klar schauenden und ungetrübt harmonischen 
Jugendgeiste die Harmonie des ganzen Daseins zu zeigen 
und die Welt recht eigentlich im Ideal d. h. als ein innerlich 
einheitliches und ihre scheinbare Zerklüftung stets wieder- 
herstellendes Ganze erscheinen zu lassen, an dem sich der 



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— i4 — 

Glaube an die eigene Existenz stets aufs neue erfrischen 
und der Geist zu lebendigen Thaten stärken kann. 

Die wunderreichen Ueb erlief erungen der Religion, an 
denen die ganze Menschheit mitgearbeitet, geben in einfacher 
Treue dargestellt dem jugendlichen Geiste die unmittelbar 
geschaute Vorstellung von allem, was er überhaupt zu schauen, 
zu thun, zu erforschen hat und zu denken vermag. Sie sind 
im allverständlichen Sinnbilde der zudem direct als Offen- 
barung d. h. als wahr und wirklich begriffene Sinn der 
Welt; und keine aufklärerische Deutung oder etwa nähere 
Constatirung des historischen Geschaffenseins ihrer äusseren 
Vorgänge ändert etwas an ihrem erhabenen Sinn wie an 
der Sicherheit und Tiefe, womit das unbefangene Gemüth 
denselben aufnimmt und im Innersten versteht. Sie lassen 
aber im späteren Verlauf des Lebens eben an diesem unge- 
heuren und unumstösslich fichtigen Massstabe jedes Einzel- 
wesen und jedes Einzelthun eben nur als Theil des Ganzen 
und als Mitarbeiterschaft an dem grossen Gesammtziele 
erscheinen, lenken also den Sinn vorzugsweise auf diese* 
grosse Ganze und von den eigenen vergänglich persönlichen 
Zwecken ab. Und wie sehr sich dieses dem gesunden In- 
stincte der Jugend sofort als höhere Wahrheit aufdrängt! -*■ 
Ein kleiner Bube . hatte seit kurzem in der Schule auch 
„Religion". Das sei die schönste Stunde von allen in der 
Schule, sagte er mit freudigem Ernste. Und als sein nur 
wenig älterer Bruder meinte: weil sie da nicht so viel zu 
lernen und zu schreiben brauchten, wehrte sich der kleine 
Kerl tapfer und schloss sein lebhaft vorgebrachtes Durch- 
einander von Eindrücken auf seine Empfindung und Vor- 
stellung mit dem alle weitere Discussion einfach abschnei- 
denden emphatischen Ausruf : „Die Religion ist viel mehr 
als die Schule!" — Und was der Verstand der Verständigen 
nicht sieht u. s. w. dachte der Papa. Der Bube aber war 
sieben Jahr alt und ging in die sogenannte gemischte Volks- 
schule. 

Wieweit nun Kirche und Religionsunterricht auch in den 
Schulen diese ihre hohe Mission für die allgemeine Geistes- 



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— i5 — • 

cult'ur erfüllen und unser Wesen in seinem Grunde und nach 
den weitesten Kreisen fürs Leben fundamentiren, darüber 
ist nicht unseres Amtes hier zu reden oder gar zu entscheiden. 
Es sei also in dieser Hinsicht nur an die eine Beobachtung 
erinnert, die sich bei jedem Aufenthalt in katholischen Län- 
dern und Gegenden aufdrängt, wo natürlich der praktische 
Cultus ungleich grössere Dimensionen hat und ungleich tiefere 
und nachhaltigere Wirkungen übt, an die Beobachtung, dass 
hier in einem gewissen Sinn und Masse durch alle Kreise 
der Bevölkerung und weit über die Sphäre der sogenannten 
Gebildeten hinaus der Sinn für das All und Ideale wenigstens 
nach Seite der äusseren Erscheinung sich reiner erhalten hat 
und unausgesetzt kräftiger entwickelt wird. Wenigstens ist 
auch z. B. in den südlichen Hochgebirgen von Vorarlberg 
über Altbayern und Tyrol bis nach Steiermark ein auffallend 
lebendiger, plastischer Kunstsinn d. h. ein freies und sicheres 
Anschauen und Ausbilden der Dinge selbst im gemeinen 
Dasein zu finden, das nur auf solche innere Anschauungskraft 
zurückzuführen ist, wie sie das frühe Erblicken des Ideals in 
unserer Vorstellung entwickelt und die dann leise vorwärts 
schreitend bis auf die Ausbildung der äussern Sinne selbst 
sich erstreckt. Wie in früheren Jahrhunderten das Auge, so 
erstarktq in unserer Epoche* vor allem das Ohr zu einer 
geradezu wunderbaren Feinheit und Kraft der Beobachtung. 
Und Mozart und Liszt sind eben solche Phänomene einer 
höchsten geistigen Intuitions- und inneren Vorstellungsfähig- 
keit, wie nur je die Zeit der Renaissance in bildender Kunst 
etwas erzeugt hat. Solche Dinge sind niemals blos Spiel 
der Natnr und Zufall der individuellen Begabung. Sie geben 
uns vielmehr zu denken und weisen auf tiefere Zusammen- 
hänge in unserer deutschen Gesammtbildung hin, als die 
bisherigen Darstellungen unserer Entwicklung in Kunst- und 
Literaturgeschichte sie geben. • 

Jedenfalls erscheinen solchen Thatsachen gegenüber die 
Bestrebungen unserer Tage, den Religionsunterricht an den 
Schulen auf ein Minimum zu beschränken oder gar. ganz zum 
Tempel unserer Bildung hinauszujagen, gar eigenartig. Sie 



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— i6 — 

würden zu Betrachtungen der ernstesten Art über unsere 
modernen Culturbestrebungen führen können, wenn der ruhige 
Beobachtende sich nicht längst hätte überzeugen müssen, 
dass die Schule und vor allem die Volksschule im Moment 
nicht viel Anderes Tst als ein Spielball in den Händen zweier 
Parteien von der heterogensten Art der Welt, von denen 
die eine rein praktisch verstandesmässig „Vernunft" lehren 
will, um auf diese Art den „Wahn" jeder kirchlichen und 
überhaupt religiösen und ideal zusammenfassenden Vor- 
stellung aus der Welt zu treiben und aufgeklärte tabula 
rasa zu machen, die andere aber in gar zu engem Verstände 
ihre zufällige Herrschaft wahren will und damit ihr eigenes 
Interesse wie das der menschlichen Gemeinschaft gleicher- 
weise stört. Dies ist hüben wie drüben ganz das Gleiche, 
und es wäre Thorheit über diese Sache nach ihrer praktischen 
Seite hin Worte neuer Vorschläge zu verlieren. . Es hiesse 
einfach tauben Ohren predigen, da die unser Schulwesen 
beherrschenden Parteien beide im wesentlichen nur ihr mo- 
mentanes Interesse im Auge haben. Diesen Grundübelstand 
unserer Tage ändert auf katholischer wie auf protestantischer 
Seite unzweifelhaft nur der Lauf der Zeiten selbst, wenn die 
Einseitigkeit der Bildung und die Kahlheit der geistigen 
Vorstellung bei uns erst von selbst gen Himmel schreit. 

In zweiter Linie kommen dann heute, als gewissermassen 
in stillschweigendem Pact angenommene oder doch tolerirte 
Mittel zur Ausbildung jenes doch immer noch für unentbehr- 
lich geachteten höheren und .ällzusammenfassenden Anschau- 
ungsvermögens , die übrigen nicht oder vielmehr nicht mehr 
religiösen, aber ebenfalls vom tiefsten Menschengeist erzeugten 
Mythen- und Sagen bild er der Menschheit, die Zeugen 
und Hinterlassenschaft vergangener weltumfassenden Welt- 
und Gottesanschauungen, bis zu jenen unscheinbaren Volks- 
und Kindermärchen, in denen dieses ideale Ganze in Stücke 
zerschlagen meteorartig durch die Welten unseres höheren 
Seins fliegt. 

Sie alle, auch unsere germanischen wie die grossen 
indogermanischen, ägyptischen, indischen Mythenkreise be- 



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— 17'^ — 

sitzen zwar auch abgesehen von ihrer Entkleidung der gött- 
lichen Offenbarung für uns nicht entfernt die wundergleich 
menschenbildende Kraft des einen , Buchs der Bücher," das 
ein unmessbar erhabenes Bild des vvanzen unseres Daseins 
nach den in seiner Tiefe waltenden .'räften wie nach der 
Fülle seiner realen Erscheinungen und seines ethischen 
Bestandes gewährt. Allein immer ist LUch hier noch ein 
unschätzbarer und durch nichts zu ersetzender Rest wahrer 
göttlicher Kraft der Menschenbildung, und ihn unserer 
Anschauung und Aufnahme bis in die fernsten Kreise des 
Familienlebens hinein aufs neue zugänglich gemacht zu 
haben ist eben so ein Hochverdienst deutscher Wissenschaft, 
wie es andrerseits ein tiefes inneres Bedürfen der Nation 
nach erneutem Besitz eines Ganzen und Wahren in diesem 
zerstreuten und schein erfülltön Leben verräth und zugleich 
zeigt, dass die Ahnung der wahren Stillungsmittel fiir dieses 
höhere Bedürfen älter und verbreiteter ist als man allgemein 
annimmt. 

Neben dem Märchen steht dabei das Volkslied, ein 
wahrer Hort des Idealen, an seelenbildender Macht durch 
nichts übertroffen. Denn durch die Plastik des Tones kommt 
hier erst Sinn und Meinen des Ganzen völlig greifbar zum 
Vorschein. 

Auch auf diesem Felde hat denn seit einigen Jahr- 
zehnten zum Glück der Vorgang der Brüder Grimnl seine 
Wirkung gethan, und wir wollen nicht säumen zu constatiren, 
dass abgesehen von der freien Initiative der Volksempfindung 
in Gesangvereinen u. s. w. auch die Volksschule sich dieser 
reinsten und reichsten Nahrung des unbefangenen höheren 
Empfindungslebens mehr und mehr zu nahen beginnt und 
die bisherige affectirte Liebhaberei für sogenannt künstlerische 
Gebilde in der Musik aufgiebt. Doch kaum auf der ersten 
Sprosse „höherer Bildung," bei Latein- und Bürgerschule 
oder gar Lyceum, angelangt, drängt sich die musikalische 
I^lbbildung ganz wieder so hervor wie in Dingen unserer 
eigentlich nationalen Art die gelehrte Halbbildung. Denn 
einem wahren Musikleiter an unseren höheren Bildungsan- 

Nohl, Unsere geistige Bildung. 2 



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/ 



^- 



stalten kann das plebejisch^ Volkslied nicht verhasster sein 
oder doch mehr fern Heiden als dem classischen Professor 
. die Sagen- und Märche^iliteratur, die höchstens durch das 
ihrer edlen ästhetische^ Erscheinung entkleidete prosaische 
Wiedererzählen der f ^gen des griechischen und römischen 
Alterthums noch beicheidenen Zutritt findet. Es ist aber 
auch nicht so leicht Avie ein modernes flaches Männerquartett 
die- hohe Natureihfalt eines Volksliedes in seiner vollen 
Plastik und Idealität wiederzugeben. Ebenso erkennen nur 
die tiefer Schauenden unter unseren Philologen und Deutsch- 
lehrern, dass im heimischen Märchen ein viel substantiöserer 
und jedenfalls ungleich reicher individuell entwickelter 
ethischer Gehalt und wirklicher Lebensstoff liegt, als in den 
antiken Sagen, und geben sich die Mühe, die scheinbare 
Gewöhnlichkeit des gar zu Naheliegenden und Bekannten zu 
überwinden und hier auch am Eigenen und Nächsten die 
Perspective des Allgemeinbeherrschenden' und Unendlichen 
zu enthüllen, das die Grundlage moderner Geistesanschauung 
ist. Kenner unseres Schulwesens werden in diesen Behaup- 
tungen nichts als die nackte Thatsache des positiv Be- 
stehenden erkennen, und nicht ohne einen diesem wirklichen 
Bestand der Sache entsprechenden Grund nahm im vorigen 
Jahre die «Pädagogische Gesellschaft '^ in Leipzig Anlass, 
ihren Sedan-Preis der Lösung der Aufgabe über die „Ver- 
werthung des deutschen Sagenstoffes im Geschichtsunterricht 
der Volksschule® zuzuwenden. Gute Aufschlüsse und Finger- 
zeige enthält die eben dadurch hervorgerufene Brochüre 
eines practischen Schulmannes, des Licentiaten Dr. H. Sevin 
(Tübingen 187S), auf .welche wir daher die bei der Sache 
Iiiteressirten — und deren gibj: es zum Glück von Jahr zu 
Jahr mehr — hier verweisen. 

Abgesehen von der Schule ist es nun aber vor allem 
das Haus und die Familie, wo zur Nahrung des ideal 
zusammenfassenden Sinns diese kleinen Ueberreste einer er- 
habenen Weltanschauung und die Producte des stets regen 
Volksgeistes stets mehr erfasst und gewissermassen zur 
Unterstützung und Ausbildung des im Religiösen erweckten 



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— 19 — 

höheren Sinnes verwendet werden. Aber so lange- es noch 
Eltern gibt, denen das Märchen ein schädliches Geschenk 
für ihre Kinder dünkt, (für die nach des Pichters Meinen 
doch gerade „das Beste gut genug" • ist), ein Ding das ihre 
Begriffe verwirre, weil es nicht wahr sei und unnatürlich, da 
eß doch einzig im Stande ist, einen sinnlich greifbaren Begriff 
sogar von den übersinnlichen Dingen und von allgemein 
wirkenden Kräften zu geben, — so lange es ferner noch 
gebildete Familien gibt, denen, wenn einmal musizirt wird, 
das Volkslied ein subalternes und nicht salonfähiges Ding 
scheint, das als kein unserer hohen Geistesbildung würdiger 
Stoff der Vorführung erscheint, so lapge ist bei uns auch 
an Wirkung solcher freien und einzig fruchtbringenden 
Natumahrung für Herz und Phantasie nicht zu denken: 
die fade Sentimentalität in Erscheinungen wie Andersens 
„Märchen" und Mendelssohns „Lieder ohne Worte" bleibt 
ein allverbreitetes chronisches Leiden, das jede wirkliche 
Bildung hemmt und an deren Stelle einen Lack, eine Politur, 
einen falschen Schimmer setzt, der die innen stumpf und starr 
gebliebene Rohnatur nur schlecht verhüllt. — 

Den Gehalt solcher wahren Lebenspoesie sucht uns nun 
ferner in stets neuen Bildern die literarische Dichtung als 
Lyrik Epos oder Drama mundgerecht zu machen und in alle 
Weite des Lebens zu verbreiten, und ihr zur Seite geht die 
bildende Kunst bis in den populären Holzschnitt hinein 
mit unmittelbar ergreifender Darstellung des entscheidenden 
Moments dieser Vorgänge, aus dessen Betrachtung sich un- 
willkürlich in unserem Innern die ganze Entstehung derselben 
wiederentwickelt und uns so den freien Ausblick in Welt und 
Leben, die Ahnung ihrer Fülle und ihres wirklichen Ver- 
haltes erzeugt. 

Durch solche Grundlegung und Vermittlung einer An- 
schauung der Dinge im Ganzen und Grossen wird dann all- 
mählich auch für die concreten ^Erscheinungen der Welt und 
die geschichtlichen Bewegungen der Menschheit das erforder- 
liche Verständniss vorbereitet und dem blossen Erzählen des 
thatsächlich Geschehenen, der sogenannten Geschichts- 



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PSPVaSB^HBBfPPiPViVH^PiM"""«! 



20 

Schreibung der Nachtheil einer verflachenden Nüchternheit 
genommen. Denn nie hat ja diese „Geschichte", so bedeuten- 
den Aufschwung sie in dem letzten halben Jahrhundert 
genommen hat, anders Sinn und Vprtheil als auf der Grund- 
lage der allgemeinen Geistesgeschichte der Menschheit. Und 
nur dass eben für diese noch so wenig wirklich gültige 
Vorlage und andrerseits ausreichende Vorbildung vorhanden 
ist, macht es begreiflich und entschuldbar, dass durchweg 
der Geschichtsvortrag an den höheren Unterrichtsanstalten 
wie in den Geschichtswerken selbst wenn nicht reine Herr- 
schergeschichte so doch wesentlich blosse Aufzählung der 
politischen Haupt- und Staatsactionen bleibt uud das ge- 
schichtliche Leben eben auf politische d. h. äussere Macht- 
motive zurückgeführt wird, während doch die eigentlichen 
Mächte dieser Welt nur- die grossen Ideen der Welt, 
Religion und Cultur sind und also alles daran liegen 
müsste, diesen allerersten Begriff unserer geistigen Erziehung 
auch zum Gegenstand und Inhalt unserer höchsten Ent- 
wicklungsziele zu machen. 

Eine natürliche Folge der ungenügenden Beachtung 
dieser wahren Ziele aller Unterrichtung und Betrachtung ist 
daher, dass der Geschichts vor trag selbst bei hervorragenden 
Historikern wie Dahlmann, Häusser u. A. unwillkürlich 
den Charakter bestimmter und zum Theil sehr engbegränzter 
theoretischer Deductionen wenn nicht gar direct politischer 
Doctrinen oder Parteitendenzen annahm, die den Sinn statt 
ihn zum Ganzen der Weltbetrachtung oder, überhaupt zu 
einer höheren Auffassung unseres Daseins zu leiten, wesent- 
lich in das kleinliche Treiben der Partei führten und ihn in 
sich selbst zerklüfteten und vernüchterten. Und es musste in- 
folge solcher unvollständigen geistigen Gesammtauffassung 
auf beiden Seiten bei uns am Ende die seltsame Erscheinung 
einer protestantischen und einer katholischen Ge- 
schichtsdarstellung hervortreten, die ein wahrer Hohn auf die 
vielgepriesene deutsche Objectivität und geistige Universal- 
bildung ist. Versuche der Art dagegen wie z. B. der Dichter 
und Künstler Richard Wagner in unserer grossen Revolutions- 



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— 21 — 

zeit von i848 — 4g einen als Vorarbeit zu seinem „Ri^g des 
Nibelungen" in der Schrift „Die Wibelungen^ Weltge- 
schichte aus der Sage" (Leipzig i8So) ausgeführt, müssten 
von einem Sinn ergriffen, dem nun rein wissenschaftliche 
Darlegung des historischen Zusammenhanges Zweck und 
Beruf ist, gerade bei der studirenden Jugend zu einer ganz 
anderen Auffassung unserer Entwicklung führen, deren Früchte 
in aller Praxis des Staatsleberis wie in Wissenschaft und 
Kunst bald genug zu erkennen wären. 

Dazu gehörte aber noch etwas Anderes als die nüchtern 
kritisch zerth eilende Art unserer neuesten Wissenschaft und 
Bildung, dazu gehörte eben ruhigüberschauende geschichts- 
philosophische Auffassung und überhaupt jene intuitive 
Denkthätigkeit, die nun aus jenen in der Jugend und 
durch Phantasie und Empfindung aufgenommenen und durch 
stets neue Aufnahme und Betrachtung gekräftigten Keimen 
einer höheren und wirklichen Gesammtweltanschauung sich 
diese selbst zu bilden vermöchte, die wirklich philosophi- 
sche Lehre und Betrachtung, und von ihr pfeifen die 
Spatzen auf dem Dache, dass sie trotz der gewaltigen Vor- 
gängerschaft eines Kant, Fichte und Schopenhauer 
unserer unruhig nach nächstem Erfolg haschenden Zeit ver- 
loren gegangen ist und die Grundlage unserer Lehre und 
Erziehung so wenig bildet, wie dies im Grunde noch von 
der religiösen Vorstellung mit Ernst und Wahrheit zu be- 
haupten ist. Diese idealste Aufgabe alles .geistigen Be- 
strebens, sie ist uns abhanden gekommen, und an den 
höchsten Anstalten der geistigen Bildung vielleicht am 
meisten. Ein Professor rufts dem anderen zu, und wenn sie 
einander nach der eigentlichen Ursache fragend ins Äuge 
schauen, heisst es: „Unsere Studenten haben keinen Sinn 
mehr für das Ideale," und so können wir denn mit all 
unserem höheren Geistesbestreben getrost nach Hause gehen. 
Das deutsche Volk hat keinen Sinn mehr für die höchsten 
Güter des Lebens, — was soll sich also der Uriiversitäts- 
professor noch um ihre Lehre bemühen und den idealen 
Sinn zu pflegen streben, wo er nicht vorhanden ist? — 



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— 22 — 

Doch wir, die wfr der Kunst und ihrer idealen Welt 
affiliirt sind, wir sind nicht dieser Ansicht und hegen die 
erfahrungsmässige Ueberzeugung , dass eine Nation, eine 
Jugend, die Werke wie „Tannhäuser" und „Lohengrin" nach 
ihren hochgestellten Anforderungen an den idealen Sinn und 
an den Glauben eines inneren Zusammenhanges der Welt 
aufnimmt, auch die Lust und Fähigkeit hat, sich auch wieder 
in schwerer eigener Denkarbeit diesen Zusammenhang zu 
erläutern, der da so mit Sinnen und Gefühl leicht wie eine 
Freude des Lebens aufgenommen ward. Und mehr als in 
allen äusserlichen politischen oder gar polizeilichen Mitteln 
würde hier dem Staat und Leben eine Gewalt erstehen, die 
den Ausschreitungen und dem Missbrauch in jenen edelsten 
Gebieten der Befriedigung menschlichen Innenbedürfnisses, 
in Religion und Kirche ein Paroli böte, das sie mit Sicher- 
heit zum Stillstehen brächte. Denn von innen heraus und mit 
den gleichen, nur unendlich verfeinerten und gesteigerten 
Mitteln würde hier die geistige und wahre Vorstellung der 
Sache erzeugt , wo dort nur zu oft der äusserliche und 
falsche Schein derselben waltet und allein deshalb zu Macht 
und Geltung und sogar übergreifender Gewalt gedeihen 
konnte, weil das Rechte nicht geboten ward. Gebt den 
Stätten unserer höheren Bildung ihren idealen Geist zurück, 
und ihr erzeugt in der Nation selbst die Kraft, die Fesseln 
zu sprengen, die eine dunkle Macht ihr auferlegt hat und 
die nicht Spott noch Indifferentismus, wie viel weniger blosse 
äussere Gewalt und sei es selbst die gesetzlichste von der 
Welt ihr zu nehmen vermögen! 

Der grosse Franzosenkaiser schrieb seinem Bruder 
Ludwig von Holland, dem er auch noch ein Stück des 
nördlichen Deutschlands gegeben haben würde, wenn er 
nicht schon dem Nationalgeiste seines bisherigen Landes 
zuviel nachgegeben hä'tte: das erste Ziel seiner Politik sei, 
den deutschen Geist sich selbst zu entfremden (depayser Pesprit 
allemand). Nun, hat man vielleicht ebenfalls diesen deutschen 
Geist gefurchtet, als man dem gleichen treuen Westfalen- 
lande, nachdem es zu Preussen gekommen, jeden höheren 



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— 23 — 

und wirklich allgemeinen geistigen Mittelpunct nahm und, 
anstatt in dem einzig dauernd gefährlichen Sitze antipreus- 
sischer Bestrebungen, in Münster, eine wirkliche Uni- 
versität mit all ihren liachhaltigen idealen Ressourcen zu 
gründen, dort jenes Zwitterding schuf, das am besten ge- 
eignet war, die wirklich freidenkenden Elemente- von Münster 
fern zu halten und so die Herrschaft über die Provinz zum 
grossen Theil in die Hände derer zu bringen, die jetzt die 
lang gesäeten und gepflegten Früchte aufgehen lassen? — 
Oder glaubt man andrerseits nicht, dass die Wiedererweckung 
der Universität Salzburg den das freiere Geistesleben 
niederhaltenden Bestrebungen einer momentan herrschenden 
kirchlichen Partei in österreichisch katholischen Landen all- 
mählich mehr den Boden entzogen haben würde, ak heute 
alle Decrete der Regierung und alle Reden der „Liberalen" 
vermögen? 

Gebt ihnen Sitze der geistigen Vereinigung und Con- 
centration, wie vor allem eben Hoch-Schulen sind, und die 
freien Kräfte werden wachsen und zu Potenzen werden, die 
auch dem Leben selbst zu seiner wahren Freiheit und P>ucht- 
barkeit verhelfen. So lange man freilich an der einen Uni- 
versität Gefahr läuft, als Dozent nicht zugelassen wird, weil 
man nicht die Kirche besuche oder mit dem „atheistischen" 
Dr. So-und-so umgehe, von der anderen, weil man „unter 
dem Deckmantel seines Faches protestantische Ideen 
vortragen wolle," — so lange nutzen in diesem wahren 
Culturkampfe der Zeit unsere Hochschulen auch nicht viel, 
da sie die wahre Cultur und freie Humanität im Gegensatz 
zu dumpfer Gläubigkeit und Intoleranz eben nicht vertreten 
und nicht darstellen. Nur die Erweckung des höheren, des 
idealen Sinnes in der Nation macht dem waltenden schnöden 
Missbrauch, der mit dieser idealen Potenz unserer Nation 
getrieben wird, unschädlich und verwandelt ihn in sein frucht- 
bringendes Gegentheil. — 

Wir fahren in der Besprechung der Mittel, um durch 
ästhetische Cultur die Erweckung dieses idealen geistigen 
Gesammtvermögens zu erreichen, fort und kommen da auf 



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— 24 — 

das eigenste Gebiet solcher Einwirkung, zu dem es uns eben 
von früher Studentenzeit aii eben aus innerm Bedürfniss nach 
einem Ganzen und Vollen uud Standhaltenden von dem 
einseitigen Facultätsstudium fortgetrieben und an die 
holden Friedensgestade des rein Idealen geführt, — zur 
Musik. 

Doch hier verlassen wir nicht blos die Pfade der heutigen 
Schule und Unterrichtung, sondern überhaupt dasjenige was 
uns landläufig geistige Bildung heisst, die ja von diesem Ge- 
biet wie durch unübersteigliche Naturschranken getrennt 
erscheint und dasselbe mit einer gewissen Scheu betrachtet, 
sowie etwa der jugendliche des höheren Studiums Beflissene 
das „ewig Weibliche" betrachtet, das ihm zwar ein ersehnens- 
werther und in schwachen Stunden auch unwillkürlich er- 
sehnter Besitz ist, in dem gewohnten Geleise seiner studirenden 
Thätigkeit jedoch ein Wesen niederer Ordnung zu sein 
scheint und keinesfalls an seinem höheren männlich-geistigen 
Leben Antheil hat! 

Und doch-, welche Schätze für die wahre und umfassende 
Geistesbildung liegen hier, selbst wenn man die Sache nur 
ganz von ihren allgemeinsten Seiten auffasst. 

Zunächst ist es in der sozusagen kosmischen Natur 
dieser Kunst begründet, dass sie im eminentesten aber freilich 
auch geheimnissvollsten und jedenfalls bisher unverstandensten 
und ungeschätztesten Sinne auch unserem unmittelbaren 
inneren Anschauen und Empfinden jenes stets bedurfte und 
begehrte Gesammtbild der Welt und ihres Seins zugleich 
mit ihrem Potenzgehalt und Bewegungskern unwiderstehlich 
verständlich darstellt. Es ist daher, um auf diese in die 
Philosophie gehörige Frage hier nicht näher einzugehen, ein 
nach seinem wahren Werth kaum jetzt schon zu bestimmender 
Gewinn für unser höheres Geistesleben, dass was in der 
Praxis längst geahnt war und zuriial bei uns in Deutschland 
fast bis zur öffentlichen Plage eifrig gepflegt wird, endlich 
auch von der Theorie erkannt und sogar von der Wissen- 
schaft d. h. von der deutschen Philosophie nach seinem 
Sinn und Werth festgestellt worden ist. 



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— 25 — 

„Sokrates, treibe Musik!" hatte es in tiefer Ahnung von 
dem innerlich Lösenden und harmonisch Versöhnenden, das 
uns die Versenkung in diesen Widerhall des ewigen Wesens 
der Welt und ihrer Bewegung gewährt, oft und noch in den 
letzten Stunden seines Daseins in dem geheimsten Inneren 
des grossen geistigen Führers der alten Welt gerufen, der 
doch mit kaum je gesehener Souveränetät alles zu sich und 
seiner Erkenntniss hergebannt hatte, was am Licht der Sonne 
vorgeht und als Gedanke in dem Kopf des Denkers wider- 
spielt. Und wie das Zeitaltef Gregors des Grossen der 
Ansicht war; dass „ohne Kenntniss der Musik weder ein 
rechter Lehrer der Philosophie noch der Theologie sein 
könne," so erkannte Luther dieser Kunst nicht etwa blos 
unter den Künsten, sondern auch unter allen Wissenschaften 
den ersten Platz nach der Gottesgelahrtheit zu. Und wenn 
er in dieser Hinsicht nach seiner drastischen Art ausrief: 
„Ein Schulmeister muss singen können, sonst sehe ich ihn 
nicht 'an,"' so dachte er dabei sicherlich am wenigsten an 
die Dorfschulmeister und Cantoren, die eben factisch zu 
singen verstehen müssen^ sondern an alle diejenigen geistigen 
Berufsarten, die eben lehren wollen „was die Welt im 
Innersten zusammenhält." Sie, meinte der Mann des nüch- 
ternsten Verstandes und zugleich des starken, warmen, 
lebenumfassenden Herzens, sie müssen im Stande sein, ihre 
Seele auch v.zeitw eilig mit vollgeöffneten Organen in das tief 
nahrungsvolle Meer der Musik zu tauchen, um da gewisser- 
massen an Herz und Sinnen praktisch zu erfahren, was 
nachher der Denker theoretisch thätig als Sinn und Aufgabe 
der Welt aufstellt. Und dass dieses Thun und Erfahren 
unmittelbar nach der Religion kommt, ja im Grunde der 
gleichgeartete Zustand und Empfängnissact mit der religiösen 
Empfindung und Vorstellung ist, das empfand eben ein 
lebenumfassender Sinn wie der Luthers instinctiv und er- 
fasste auch nach dieser Seite ein Entwicklungsmoment unseres 
ganzen modernen Daseins, das die Philosophie erst begriff, 
nachdem sie nun über alle kritische Feststellung unseres 
geistigfen Handwerkszeugs hinaus endlich auch sich selbst 



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- 26 — 

zusammengefasst hatte und nach demjenigen fragte, was 
mit diesem Handwerkszeuge hantirt und etwas Positives für 
das Leben erzeugt und feststellt. 

Da trat endlich auch bei den theorethischen Denkern 
die Musik in das Recht, das ihr die praktischen Denker der 
Welt längst zuerkannt hatten. Und während noch ein Kant 
nach seiner rein verstand esmässigen Art nichts mit einer 
Kunst anzufangen gewusst, die allerdings auf eine für den 
kritischen Verstand unfassbare Weise die Welt nach ihrem 
innersten Wesen in einer Art construirt, wie sie all sein 
„Beweis für das Dasein Gottes" nicht so sicher und factisch 
zu construiren vermocht hat, fand ein Schopenhauer nach 
seiner den wirklichen Haft und Zusammenhalt der Welt 
suchenden Anschauung auch hier wie mit Naturnothwendig- 
keit das Ganze, die Idee der Welt unmittelbar anschauungs- 
gemäss wiedergegeben. Und Schopenhauer war sicherlich 
kaum mehr „musikalisch" als Kant. Er hantirte aber mit 
dem geistigen Apparat seiner Vorgänger wie ein Künstler 
mit dem seiner Kunst, und sein freies geistiges Schauen 
erschuf auch hier eine neue Welt^ eine Schöpfung in der 
Schöpfung, indem er der Welt die Augen darüber öffnete, was 
sie freilich längst gewusst, aber nicht „bedacht": dass eben 
die Musik ihr innerstes Wesen mit derjenigen Macht theilt, 
die die Welt gemacht, erhält und versteht, mit jenem Geiste, 
der als Idee der Welt in unserem Geiste wiederersteht, wenn 
wir in innerster Gesammtthätigkeit unseres Organismus das 
Ganze der Welt fühlend denken oder denkend fühlen. 

Dieser Entstehungsprozess des Daseins ist es, was in der 
Welt der Töne wiederhallt, und jenen höchsten Zustand des 
Geistes, die Welt im inneren Empfinden und Denken zu 
verstehen, theilt wer die Musik erfasst und in sich selbst 
ihr wunderwirkendes Aufbauen eines erhabenen Ganzen. still 
vernehmend geschehen lässt. Wenn irgend, so wird hier 
Gcethes ahnungsvolles Dichterwort Wahrheit, jenes stolze 
Wort Faust's: 

„Und schaffend Götterwonne zu geniessen !'* 

Und diesen Pfozess und Zustand ahnte auch der Freund 



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und Kenher der schöpferischen Kunstthätigkeit Schopenhauer, 
ahnte ihn in der gleichen Zeit, als Beethoven ihn zuerst 
in rein praktischer Weise voll documentirte und in seinen 
grossen Symphonien nicht blos dem Schaffen seiner Vor- 
fahren die erste goldene Herrscherkrone aufsetzte, sondern 
unser modernes Geistesleben überhaupt in einer Weise zu- 
sammenfasste , von der vielleicht in eminenterer und jeden- 
falls eigenartig fruchtbringenderer Art als bisher von der 
Periode unserer classischen Dichter, von Schiller .und Goethe, 
eine ganz neue Epoche geistiger Production und zwar nicht 
allein in dem Separatgebiete der Kunst ausgehen wird. 

Denn, — um hier noch einiges Bestimmtere von der 
Sache zu geben, — wie schon Goethe selbst, als es den 
grössten Musiker des Jahrhunderts bei dem Besuch Bettinas' 
trieb, wenigstens den Versuch zu machen, durch sie ihrem 
angebeteten Freunde Eröffnungen über das Wesen seiner 
sprachlosen Kunst zu bieten, nach seiner freien Aufnahme 
von Welt und Menschen eine wahrhaft von verehrender 
Scheu erfüllte Entgegnung solcher „unerweislichen Weisheit" 
abfasste, — man lese die bedeutsamen Schriftstücke in 
„Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" II 190 ff. — so 
begann allmählich auch dem philosophischen deutschen Denken, 
das bisher die Sache bald mit Spottäusserungen abthun zu 
können meinte, bald nur äusserlichste Bezeichnungen ihrer 
Erscheinungsart und Wirkung dafür gefunden hatte, eine 
Vorstellung davon aufzugehen, dass hier selbst über die 
Wiederspiegelung der harmonisch - architektonischen Ein- 
richtung des Alls hinaus ein directer Widerhall des Geistes, 
der darin wohnt und alles bewegt, und namentlich jener 
irrationalen Potenz gegeben sei, die sich mit der vollsten 
Lebendigkeit im Springquell des individuellen Empfindens zeigt. 

Aber erst Schopenhauer condensirte hier die nebeligen 
Dünste zu heller Flüssigkeit und constatirte zunächst die von 
der bildenden oder sonst schildernden Kunst so absolut ver- 
schiedengeartete Natur der Musik. 

Er ging dabei — wir citiren die in „Welt als Wille und 
Vorstellung" IL stehende Auseinandersetzung absichtlich nach 



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.^ 



— 28 — 

Richard Wagners „idealer Festrede" Beethoven (Leipzig 
1870), weil die Sache so durch das Medium einer schaffendes 
|! und obendrein wirklich denkenden Künstlernatur nur h 

(vollerem Lichte der Richtigkeit erscheint, — -er ging vön 
der Verwunderung darüber aus, dass von dieser Kunst der 
Töne eine Sprache geredet werde, welche ganz unmittel- 
bar von Jedem zu verstehen sei, da es hierzu gar keiner 
Vermittlung durch Begriffe bedürfe, während die Poesie nur 
durch solche die Idee veranschaulichen könne, WährenJ 
nämlich die sogenannten schönen Künste überhaupt diese 
Idee der Welt und ihrer wesentlichen Erscheinungen zum 
Object der Darstellung haben und eben diese in ihren Frc" 
ductioncn nachbildend vorführen, glaubt Schopenhauer in der 
'Musik eine Darstellung der Idee der Welt oder vielmehr 
eineldeederWelt selbst erkennen zu müssen und ix 
'r überzeugt, dass wer diese Kunst gänzlich in Begriffen zj 

f verdeutlichen vermöchte, sich zugleich eine die Welt und ihr 

i Wesen erläuternde Philosophie vorgeführt haben würde. Er 

\ spreche die höchste Weisheit aus in einer Sprache. 

die seine Vernunft nicht verstehe, sagt demgemäss 
Schopenhauer speziell vom Musiker. 

Und nun halte man dazu, was wir eben von Aeusser- 

ungen Beethovens über seine Kunst kennen: es entspricht 

^ in wahrhaft frappirender Weise den Ahnungen seines grossen 

^ Zeitgenossen, des Denkers in Begriffsbildern, wo er selbst 

in mächtigen Tonbildern dachte und so auch auf das Ge- 

heimniss seiner Kunst kam. 

^ „Musik sei höhere Offenbarung als alle Weisheit und 

Philosophie", äusserte er das eine Mal in gerechter Abwehr 
jener Schulphilosophie, die sich mit dem Handwerkszeu;; 
! unseres geistigen Lebens umherschlug und das „geistige Band 

i nur zu oft aus der Hand Hess, daher in einer Weltab- 

spiegelung wie der Musik nur ein unangenehmes Geräusü 
und dergleichen erkennen konnte. „Sie sei so recht die 
Vermittlung des geistigen Lebens zum sinnlichen, der einzige 
unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens 
hatte er dann dem grossen Dichter zurufen lassen; „au«^* 




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— 29 — 

ihr seien die hohen Zeichen des Moralsinns zu Grunde gelegen" 
u. s. w. — welch merkwürdige „Explosion" denn auch 
Bettinas eigenem Eindruck von Beethovens Wesen und Kunst 
Sinn und Körper verleiht. Denn sie schreibt ausdrücklich, 
dass er „sich alä. den Begründer einer neuen sinn- 
lichen Basis im geistigen Leben fühle". 

Welch ungeheuer sichere innere Verbindung muss also 
dieser Geist, der überall nur durch „poetische Ideen" zum 
Schaffen angetrieben ward, nicht blos mit diesen poetischen 
Ideen d. h. mit dem geistigen Bestand der Menschheit gefühlt 
haben, sondern wie muss ihm die Verbindung mit ihrem 
ethischen Bestände eine frohe Gewissheit gewesen sein 
und tief befruchtende Befähigung zu stets neuem Schaffen 
gegeben haben! Wir ahnen, dass auf den Rhythmen dieser 
blossen „poetischen Ideen" der Geist sich zur sicheren Er- 
fassung des dem Leben zugrundeliegenden wirklichen Gehalts 
und dauernden Bestandes aufzuschwingen vermag und der 
erstaunten Menschheit Bilder ihrer selbst gewährt, die sie 
sonst nur an der Hand der Religion zu träumen oder mit 
der Fähigkeit wahren Denkens zu erahnen im Stande ge- 
wesen. Es fliegen aus diesem Dunkel wie aus einem ewig 
neu gebärenden Mutterschooss die Erscheinungen die die 
Welt bedeuten empor und werden, sie die Nachtgeborenen, 
zu schönsten Lichtgestalten, wie je eine Epoche des freien 
geistigen Thuns der Menschheit sie erzeugt hat. Und diese 
simple Kunst der Töne, vor allen dieser -Beethoven inaugurirt 
solch schöne reichere Zukunft. Sollte man da nicht froherer 
Hoffnungen voll sein und mit der beglückenden Ahnung 
einer reicheren freieren Zeit diesem Gesundbrunnen eigensten 
geistigen Lebens unserer Zeit zueilen! — 

Und so ists und geschiehts denn auch. Alle lebendig 
lebende und der Gegenwart angehörende Welt, soweit sie 
überhaupt mit rein geistigen und sozusagen psychischen Dingen 
zu thun hat, weilt an diesem Brunnen und nährt sich von 
ihm. Ja einzig aus dem instinctiv geahnten oder vielmehr 
unmittelbar praktisch erfahrenen Wesen und Einwirken der 
Musik begreift sich der ungemessene Zulauf, den wir heute 



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-~ 3o — 

bei allem unbefangenen Geistesleben und nicht blos in den 
mittleren oder unteren Bildungsschichten gerade dieser Kunst 
zutheil werden sehen. 

So gehörte in der That, wie schon vor Jahren in der 
Schrift „Gluck und Wagner" berührt ward und hier nun 
gerade solchen Koryphäen der Wissenschaft gegenüber aus- 
drücklich und genau constatirt werden muss,^ es gehörte die 
ganze Fülle des bornirtesten ästhetischen Doctrinarismus 
unserer Tage dazu, sowie Gervinus in der Einleitung seiner 
„Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts'' zu behaupten: 
„diese ganze Art wort- und sinnloser Musik, einer technisch 
ausgebildeten Kunst des Phantasirens , nämlich die reine In- 
strumentalmusik, führe von dem praktischen und dem 
wahrhaft geistigen Leben zugleich ab zu einem blossen ge- 
dankenlosen Sinnengenuss , in dem selbst Geschmack und 
Kunsturtheil untergehen; solches Treiben und vor allem die 
Selbstausübung dieser Kunst sei von den Alten für die 
bürgerliche und kriegerische Tüchtigkeit nicht gefahrlos und 
wie heute von den Engländern für Männer kaum würdig 
gefunden." 

Armer Shakspeare, warum musstest du, der einzigste 
und jedenfalls sinnvollste aller Dichter seit der antiken Tra- 
gödie, gerade die Musik so vor allen anderen sogenannten 
Künsten und wie deine eigene tiefste Seele lieben, warum 
diese Liebe oft so wahrhaft sehnsuchtsvoll in den schönsten 
Bildern deiner Phantasie aussprechen? — Ja, tragisches Em- 
pfinden und Musik gehören eben zu einander wie Schlaf und 
Tod. Und was ein Nikolai und Consorten einst nicht an 
„Werthers Leiden" begriffen, wie soll das ein solcher Gott- 
sched des neunzehnten Jahrhunderts, der gern mit seinem 
gelehrten Bakel aus dem freiesten Geistesschaffen unserer 
Zeit allen Geist ausgetrieben hätte, an einer Symphonie 
Beethovens begreifen? Und was ging diesem echt tragischen 
Bilde der Musik nicht an tragischen Liedern und Balladen 
voraus, gegen die selbst Dichtungen wie Bürgers „Lenore" 
und dergleichen doch nur ein Klappern mit dem äusseren 
Apparat der tragischen Muse sind! 



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— 3i — 

Wir wollen schweigen von den Wundern der polyphonen 
[vunst, wie sie in der mittelalterlichen Kirchenmusik, in 
strahlendster Herrlichkeit in Palestrina liegen, die solche 
gelehrte ,, Kunstkennerschaft'* natürlich noch heute nicht für 
[nstrumentalmusik hält. Und doch fängt ja wahre Gesangs- 
nnusik erst da an, wo die Seele singt, nicht aber da wo das 
[ndividuum noch gar nicht mitspielt, sondern blos sein Natur- 
v^ermögen zu einem ausser ihm liegenden Zwecke herleiht. 

Die menschliche Stimme ist hier zwar das schönste aller 
Instrumente, aber sie ist noch ein blosses Instrument, um die 
allgemeinen Tonbewegungen und Accordverbindungen des 
Musikstückes wiederzugeben, nicht aber um individuellsten 
Empfindungen sinnvollen Ausdruck zu leilien. 

Und reicher noch, — um mit Beispielen aus der Kunst 
selbst solche Thersitesvergehungen an der Kunst zu schlagen 
und zu strafen, — reicher wenn auch nicht erhabener und 
mit intensiverer Wirkung entfaltet sich diese harmonische 
Wunderwelt in 'den protestantischen Organistenschulen, vorab 
in dem mächtigen Cantor Seb. Bach. Ja selbst bei Händel 
ist nur diese Kunst von Werth und Bedeutung: nur seine 
Chöre athmen das Leben der Welt in seinen elementaren 
Bewegungen und seinen allumfassenden Gemeinempfindungen; 
seine Arien und Duette dagegen sind, zum Entsetzen jenes 
fanatischen Händelanbeters und seiner dumpfen Nachbeter 
sei es gesagt, trotz ihres scheinbar individuell poetischen 
Vorwurfes mit nur geringen Ausnahmen eben jene „ganze 
Art wort- und sinnloser Musik, einer technisch ausgebildeten 
Kunst des Phantasirens" und sogar blos Varriirens des ewig 
gleichen Motivs, die „von dem praktischen und wahrhaft 
geistigen Leben zugleich zu einem blossen gedankenlosen 
Sinnengenuss abführt, in dem selbst Geschmack und Kunst- 
urtheil untergehen." Man sieht's an diesem traurigen Aesthe- 
tiker selbst: die ganze Aesthetik ist, zumal in seinem „Händel 
und Shakspeare" toll geworden und geht auf dem Kopf 
umher. So rächt sich, es muss auch dies deutlich gesagt 
werden, das Ergreifen von Dingen, die man nicht versteht 
und doch verstehen zu müssen glaubt, weil man — ein ver- 



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Lr^ 



— 32 — 

dienstvoller deutscher Gelehrter und ein universell gebildeter 
Mann ist. Diesmal ging es dem berühmten Literarhistoriker 
Gervinus so, ein anderes Mal dem berühmten Theologen 
Strauss. Es war ihnen beiden mit ihrem Ruhme zu wohl 
geworden, und sie dachten nicht, dass das Leben der Kunst 
und vor allem der Musik schon darum etwas schwerer zu 
treiben und zu schreiben ist, weil es dem äusserlichen Wissen 
und blossen Verstand wenig greifbare Handhaben bietet. 
Es giebt aber noch heute Leute genug und obendrein wieder 
Professoren, die auch auf diesem Gebiete beide „grossen 
Männer" für wirklich gross halten und auf ihr Urtheil 
schwören. Darum musste hier selbst solcher Todten und 
an sich todtgeborenen Ideen möglichst klar Erwähnung ge- 
than werden. Sie möchten uns die Künste umformiren, und 
wäre wieder ein Stück der tröstenden Aussicht auf die wirk- 
liche deutsche Geistesbildung weniger. 

Wie unendlich weiter, um noch einige Beispiele anzu- 
führen, ging im Ausdruck dieses individuellen Empfindens 
ein Mann, von dem jener Halbengländer Händel gesagt 
haben soll, er verstehe vom Contrapunct so viel wie sein 
Koch, — jener Christoph Willibald Gluck, von dessen 
„Iphigenie in Tauris" im Winter 1800/1 Schiller an seinen 
Freund Körner schreibt: „Noch nie hat eine Musik mich so 
rein und schön bewegt als diese; es ist eine Welt der Har- 
monie, die gerade zur Seele dringt und sie in süsser hoher 
Wehmuth auflöst." Der Tragiker Schiller fühlte hier das 
letzte Moment seiner eigenen Kunst, die Aufdeckung der 
innersten Mischung und der reinsten Lösung des menschlichen 
Seelenbestandes. Wenn Einer in seiner Kunst, so war dieser 
Gluck in jedem Zoll ein Mann, und dennoch hat er es 
würdig gefunden, „die Selbstausübung der Kunst" wenigstens 
soweit zu betreiben, dass er in del* Jugend das dörfliche 
Volk mit seiner blossen Geige zum frohesten Dasein be- 
wegte, dann später als k. k. Hofcapellmeister hochgebildeten 
Männern wie Joseph IL und Beethovens Gönner Max Franz 
seine Sachen selbst am Ciavier vorzutragen, zuletzt aber 
noch in Paris kurz vor dem Ausbruch der Revolution und 



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— 33 — 

ihrer mächtigen Kriege den nicht weniger männlichen Fran- 
zosen sogar seine ergreifenden tragischen Gebilde persönlich 
praktisch vorzuführen. Denn dass man das Orchester, wenn 
man der rechte Künstler ist, ganz so spielt wie Geige, 
Stimme und Ciavier, das muss erwogen werden, wenn von 
„Selbstausübung der Kunst" Rede ist. 

Und nun ging es rasch .voran in diesem Ausdruck des 
individuellsten Seelenlebens, nachdem Gluck auf ihrem wahr- 
haften Gebiete, in der tragischen Action, dieser Kunst der 
Töne den Weg gewiesen, und nur poetischer Stumpfsinn, 
man darf es nicht anders nennen, kann nicht erkennen, nicht 
gemessen, was in dieser „reinen Instrumentalmusik" von 
J. Haydn bis Beethoven, von den Neueren und Neuesten 
ganz zu schweigen, niedergelegt worden ist. Wie Rembrandts 
Portraits fein und charakteristisch sind oft diese Bilder und 
Bildchen, und sie eröffnen von ihrem unscheinbaren Puncte 
aus eine ergreifende Perspective in die ganze Welt des 
menschlichen Seins. 

Wir müssen trachten, auch hier sicher verständlich zu 
sein. Schon Domenico Scarlatti, der Sohn des grossen 
Operncomponisten Alessandro Scarlatti und der erste frfeie 
Clavierspieler, gibt in seinen sogenannten Sonaten den Keim 
solcher Vorführung des wirklichen Daseins, in dem alle 
Poesie und geistige Bewegung liegt. Und dass er z. B. 
seine .„XXX Sonatas" (Lissabon 1721) der Welt mit dem 
bescheidenen Wort anküridet: „Erwarte nicht, Freund oder 
Meister der Kunst, wer du auch seist, in diesen Compositio- 
nen den tiefen Geist, wohl aber den erfinderischen Scherz 
der Muse," beweist wie sehr er sich dieser unmittelbaren 
Berührung mit dem wirklichen Sein, mit der lebendigen 
Lebensbewegung bewusst war und nicht entfernt „wort- und 
sinnlose Musik" schrieb, und „eine technisch ausgebildete 
Kunst des Phantasirens" trieb. Davor bewahrte ihn schon 
die Form selbst, die er vor allen Anderen mit Erfolg in 
seine Kunst aufgenommen, der Tanz und das Lied mit all 
ihren so unvergleichlich individuell lebensvollen Rhythmen 
und Gestaltungen. Ja gerade dieser „Kunst des Phantasirens," 

Nohl, Unsere geistige Bildung. 3 



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— 34 — 

die, wie in der Poesie die sinnlose Odensängerei, damals 
grassirte, sollte durch solche eigentliche und. dem Sinn des 
Lebens entsprechende Kunst entgegengetreten und die 
Musik überhaupt dem allgemeinen geistigen Leben genähert 
und von ihm genährt werden. 

Und mit welchem Ernst sehen wir nun den Sohn jenes 
grossen Sebastian, den jungen Juristen Philipp Emanuel 
Bach diesen Zweck verfolgen! Es ist der Ernst des klarsten 
. Bewusstseins und der bestimmtesten Tendenz, worhit dieser 
Kenner der sämmtlichen Geistesbestrebungen der Zeit und 
intime Freund Klopstocks seine „Sonaten für Kenner und 
Liebhaber" in die gebildete Welt wirft. „Mich deucht, die 
Musik müsse vornehmlich das Herz rühren," gibt er am 
Schluss seiner kleinen Selbstbiographie von 1773 (Musiker- 
briefe S. 62) als Endzweck seiner Kunst an, und was rührt 
denn das Herz, was nicht selbst aus dem Herzen stammt 
und aus seinem Leben einen Sinn nimmt, den auch das 
dichterischeste Wort nicht auszusprechen vermag? Wie aber 
dieser bewusst sinnvolle und poetische Zug seiner Compo- 
sitionen trotz so mancher Härten und Eigensinnigkeiten in 
der praktischen Ausfuhrung auf klug aufmerkende Compo- 
nisten wie J. Haydn und tief poetische Naturen wie Mozart 
gewirkt, — nun . manche Zeile ihrer rein instrumentalen 
Compositionen und selbst der kleinen Claviersonatep beweist 
es. Sobald sie ganz bei sich selbst eingekehrt sind, beginnt 
alle blosse „Kunst des Phantasirens" oder sagen wir hier 
richtiger des Componirens aufzuhören und ihre Seele dichtet, 
ergiesst sich in eigenstem Leben, wie es kein geistiges 
Leben, keine Poesie der Zeit, ja wie es selbst keine 
„Schöpfung", keine „Zauberflöte" deutlicher redend aufweist, 
obwohl diese Werke ja scheinbar am dichterischen Worte 
den Halt eines tieferen Sinnes haben. 

Armero Gervinus, wie würde dir schon der liebenswürdig 
bescheidene Haydn mitgespielt haben, wenn du ihm den 
Ausdruck „wort- und sinnlose Musik" vorgebracht hättest, — 
er der sich des Ausdrucksvermögens seiner Kunst bereits so 
klar bewusst war, dass er sogar in seinen einfachen Briefen 



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- 35 — 

von dieser eigentlichsten Fähigkeit derselben redet und trotz 
seiner so schönen Zurückhaltung im Urtheil über sein eigenes 
Schaffen bei dem Adagio einer Sonate (in Es-dur), die er 
seiner verehrten Freundin Frau voji Genzinger schickt, von 
,,viel Empfindung" spricht, die da drin seil Er hätte eben 
so gut sagen können, es sei ein Lied seiner persönlichen 
Zuneigung, ein Bekenntniss eigenster Herzensempfindung, so 
dramatisch bewegt und sprechend ist das kleine in Betrüb- 
niss selige Stück, das seinen Vorgänger einzig in dem „Largo 
e mesto" der D-mollsonate jenes Ph. E. Bach hat. 

Und nun gar Mozart! — Schon in jenen jungen Jahren 
in Mannheim schickt er seinem Vater ein Andante, das so 
sei wie die jugendlieblich heranwachsende „seriöse Mademoiselle 
Rose Cannabich*S der er eben Unterricht gab. (Mozarts Briefe 
S. 109). Und wissen wir nicht ebenso von Beethoven, 
dass er es in der Bonner Zeit geradezu liebte, die Personen 
seiner Umgebung musikalisch zu porträtiren und dass die 
Freunde sich noch in späten Jahren der frappirenden. Art 
erinnerten, womit dies blos am Ciavier, mit „wort- und sinn- 
loser Musik," mit einer „technisch ausgebildeten Kunst des 
Phantasirens" dem jungen Titanen, dessen Mutter sogar ein 
Mann und Prometheusgeist gewesen, auch wirklich gelang? 
Doch weiter zu gehen verbietet die Achtung vor jedem 
nur halbgebildeten Leser, der nach den biographischen Ent- 
hüllungen der letzten zwanzig Jahre zu genau darüber unter- 
richtet sein muss, wie nahe die Kunst Mozarts und 
Beethovens dem wirklichen und höchsten geistigen Leben 
der Zeit steht und dass ihre Sonaten und Symphonien, kurz 
ihre ganze „reine Instrumentalmusik" nicht allein neben dem 
Edelsten rangirt, was je der männliche Geist in der Kunst 
hervorgebracht hat, sondern dass nur hier ihre eigentliche Be- 
deutung zu suchen ist, — ja dass selbst „Fidelio", „Don 
Juan" und „Zauberflöte" ihren Gehalt und Werth ungleich 
mehr in der rein musikalischen Darstellung von Menschen- 
oder sagen wir lieber Empfindungstypen haben, als in der 
Ausprägung höchster und freiester Individualität durch die 
„auf den Leib geschnittene" Melodie und ihre unendliche 

3* 



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\ 



— 36 — 

Entfaltung aus dem Lebenskeim des Charakteristischen. 
Also für diesen hehren rein menschlichen Bestand der 
Instrumentalmusik Mozarts und Beethovens solchem bei allem 
Wortschwall völlig sinnlosen Zudringen des seichtester. 
Kunstverstandes gegenüber nur ein Wort weiter zu verlieren, 
wahrlich, es wäre ein Vergehen an dem Weihegebiet dieses 
eigensten und innersten Lebens der Nation selbst, von dem 
freilich unsere Wissenschaft und gelehrte Bildung immer 
noch wenig Begriff zeigt. 

Der unbefangene Sinn des Volkes aber, das ist uns bei 
solchen ästhetischen Barbareien der gute Trost, fühlt in 
kräftigen Schauern der Empfindung stets aufs neue, dass ihm 
hier, in diesen Sonaten, Quartetten, Symphonien unserer 
classischen Meister seine reinsten Ideale und sein erstes weh- 
und wonnevolles Ahnen von der tragischen Zerrissenheit der 
ganzen so schön prangenden Welt in herben Dissonanzei^ 
zum Bewusstsein gerufen und in göttlich befriedenden Har- 
monien aufs sicherste wieder hergestellt wird. Es geht hin 
und lauscht selbst unter dem Klappern der Tassen und 
Gläser und dem Geräusch der fleissigen Stricknadel dem 
wunderbar ergreifenden Rauschen eines neuen tief ver- 
borgenen Quells, den es doch als seinen eigentlichen Lebens- 
quell empfindet. So liegt gerade in dieser mit gelehrtem 
Dünkel verdammten Kunst sogar eine neu kräftigende und 
zum Ideal erhebende Schule für unser höheres Anschauungs- 
vermögen, die in solch weiten Kreisen des Daseins durch 
nichts Anderes zu ersetzen ist, aber auch zu nichts weniger 
führt als zu schwächlich unfruchtbarer Abwendung vom 
wirklich praktischen oder gar geistigen Leben. Beethovens 
Symphonien wirklich zu verstehen, dazu gehört wie 
bei Shakspeare ein ganzer Mann und die volle freie An- 
schauung und geistige Thatkraft des Jahrhunderts, nicht aber 
blosse Altweib erviel wisserei und ihre hergebrachte con- 
ventioneile Moral und engumgränzte Anschauungsweise. 

Und um auch hier zuletzt noch möglichst concrete An- 
schauung der Sache zu bereiten, sei ebenfalls aus eigenem 
Erleben mitgetheilt, wie einmal ein junger juristischer Beamter in 



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- 37 - 

einem Augenblick tiefster Verwirrung seines ganzen Daseins 
mit dem bestimmten Vorsatz, demselben durch einen Sprung 
ins Wasser ein Ende zu machen, an der Strassenecke die 
x\ufiuhrung einer Beethovenschen Symphonie — soviel ich 
mich erinnere, der Fünften, angekündigt sieht und gleichsam 
von einem Lebensinstincte in den Concertsaal getrieben durch 
Anhörung des Werkes,, das ihn in tiefster Seele ergriff und 
sein Innerstes erschütterte, nicht blos momentan von seinem 
verzweifelten Vorsatze abgebracht sondern für immer dem 
Leben und seinem Thun und Bestände zurückgegeben ward. 
Kin älterer Professor aber, und ein nichts weniger als 
sentimentaler Mann, — er war Anatom, — erzählte mir, bei 
einer Anhörung von Haydn's „Schöpfung", selbst in durch- 
aus nicht ausgezeichneter Execution, am Schluss nur die eine 
tief beseligende Empfindung gehabt zu haben, „am liebsten 
jetzt zu sterben!" — Solch unsäglich wonnevolles Gefühl 
von dem tiefen harmonischen Zusammenhang alles Seins 
bereitet diese sonderbare Kunst, dass alles eigene Weh zu 
schwinden scheint und das individuelle Sein sich gegen diese 
schöne unsichtbare Welt des Ganzen als ein leeres Nichts 
und wohl gar als einen Riss in ihrer göttlichen Ordnung 
empfindet? — Nichts sosehr wie dieses eigentlich tragische 
Empfinden, das zeigt die männlich kräftige Art der alten 
Griechen und der Zeit der Königin Elisabeth in England, 
führt in das wirkliche Leben wieder ein und erhöht die 
Spannkraft des Individuums, das sich durch das lebendige 
Schauen in das Unendliche des Lebens zu diesem 
selbst erhoben und seiner theilhaftig fühlt. Und dies erst 
ist wahre Mannesart und thatvolle Geisteskraft. 

Solche Wirkung der Poesie und Kunst, um nun zum 
Abschluss des Capitels vor einem falschen Schluss aus 
unseren Aufstellungen zu bewahren, — solche Wirkung, die 
wie die Segnungen der Religion und jeder reinen Geistes- 
erhebung ganz persönlich praktisch erfahren werden muss, 
durch blosse -Lehre ersetzen zu wollen oder überhaupt nur 
zu können, diesen Wahn wird am wenigsten hegen, wer die- 
selbe selbst erfahren hat und stets aufs neue erfährt. Allein 



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— 38 — 

andrerseits kann darüber kein Zweifel sein, dass eben diese 
eigene Erfahrung, die wie im Leben so im Erfassen des 
Ideals alles entscheidet, ebenso kräftig vorbereitet und sicher 
geleitet werden kann wie in allen übrigen Thätigkeiten und 
Entwicklungen unseres geistigen Lebens. Und über die Art 
und Weise, wie mit Aussicht auf Erfolg in solchen Dingen 
der idealen Heranbildung und besonders der Kunstlehre 
vorzugehen und ein Blick in den Totalzusammenhang unseres 
Lebens innerlich zu eröffnen ist, sei nun hier noch ein blos 
die Hauptpunkte berührendes aber ebenfalls erfahrungs- 
mässiges Wort gesagt. Es handelt sich dabei, wie aus dem 
Vorstehenden hervorgeht, nicht um eine beliebige Laune und 
Willkür noch um eine schöngeistige Spielerei, wie wir sie 
wahrlich in diesem Jahrhundert lange genug gesehen, son- 
dern um eine fühlbare Lücke in unserer geistigen Ent- 
wicklung, die uns hindert, den Schritt zur freien Erreichung 
der im deutschen Wesen schlummernden geistigen Totalität, 
zu einer wirklichen Gesammtbildung auch wirklich zu 
thun und uns so statt wie bisher neben die staatlich 
herrschenden Römer auch neben die geistig waltenden 
Griechen zu setzen. 



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IIL Die Kunst 
an unsern Bildungsanstalten. 

Maiv weiss von Justus von Lieb ig, dem berühmten 
Chemiker, dass er ausser allerlei modernen Romanen, - die 
allerdings seinen Sinn für ästhetische Cultur nicht sonderlich 
befriedigt haben mögen, auch kunstphilosophische Schriften 
und sogar, wenn sie nur auch wirklich nach Sinn und 
Gehalt ihrer Kunst schmeckten, solche über Musik zu 
lesen liebte. 

Ebenso ist uns von dem im Jahre- 1873 gestorbenen 
Geheimrath Abeken, dem Redactor jener soviel entschei- 
denden öfferttlichen Staatsschriften Preussens und des Nord- 
deutschen Bundes in den letzten beiden wichtigen Jahrzehnten, 
nach seiner eigenen Mittheilung bekannt, dass als vor zehn 
bis zwölf Jahren in Berlin eine Commission über die beste 
Tragödie unserer Tage zu entscheiden hatte, er als Mitglied 
derselben, für seine Person jedes Zweifeins und Schwankens 
bar, Richard Wagner's „Ring des Nibelungen" als allein 
des Preises würdig erkannte und von seinem Votum nur darum 
abstand, weil man ihn bedeutete, das sei ja blos — Opern- 
text! — Und doch konnte ihm von dieser tragischen 
Nationaldichtung nur erst der Text bekannt sein, weil die 
Ciavierauszüge der ersten Theile des Werkes erst später 
erschienen sind und die Aufführung des Ganzen in Bayreuth 
ihrer Verwirklichung erst im Jahr 1876 entgegenging. Es 
muss also hier ein ganz ungewöhnlicher Grad sowohl der 
freien künstlerischen Anschauung wie der innerlich ausge- 
bildeten ethischen Empfindung gewaltet haben, sowie er 
nur aus der sicheren und vorurtheilslosen Kenntniss unserer 



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— 4o — 

wie aller Kunst und Literatur und überhaupt aus einem in 
sich vertieften geistigen Wesen und einer hohen menschlichen 
Entwicklung hervorgehen kann. 

Man hat nun niemals vernommen, dass solche höhere 
Neigung dem einen wie dem andern dieser beiden ausge- 
zeichneten Männer in ihrem so weit reichenden praktischen 
Thun Hemmung oder Nachtheil gebracht hätte. Wohl aber 
verdanken ohne Zweifel die „Chemischen Briefe" so gut wie 
seinerzeit A. von Humboldt's „Kosmos" ihre Popularität d.h. 
ihr allgemeines Verstandensein vor allem der vollständig 
freien Ueberschau und sicher abgewogenen Darstellung ihres 
Gegenstandes. Und jene weltgeschichtlichen politischen 
Proclamationen von i863, 1866, 1870 nahmen ihre sofort 
einschlagende Wirkung nicht zum geringen Theil von ihrer 
nahe an die Art unserer grossen Prosaiker anschlagende 
stylistischen Vollendung und plastischen Ausprägung im 
Ganzen wie im Einzelnen. „Schönheit, d. h. vollendete 
Ausprägung der individuellen Erscheinung, ist Bestätigung 
der Wahrheit," heisst es selbst bei solchen zunächst blos 
praktisch politischen und nur in ihrem letzten Ziele auch 
geistigen oder doch ethischen Anrufen an die Zeit und Nation. 
Das klare Erschauen ihres Gegenstandes im Zusammenhang 
mit dem Ganzen unserer geistigen und materiellen Entwick- 
lung gab diesen Männern der Wissenschaft und praktischen 
Thätigkeit das lebendige Bedürfniss wie schliesslich die 
wirkliche Fähigkeit zu solcher klaren und sinnenhaft greif- 
baren Ausprägung desselben. Und die völlig zutreffende 
Art seiner Darstellung besiegelt ihrerseits wieder den Wahr- 
heitsgehalt der Sache selbst. 
k Nun ist es allerdings förmlich Glaubensartikel der 

modernen Gelehrten auch in Deutschland geworden, nicht 
. nur so zu schreiben, dass es auch noch Andere als blosse 
Eingeweihte lesen können, sondern sogar „einen schönen 
Styl zu haben." Schon zu dem ersteren, wieviel mehr zu 
dem letzteren Erforderniss , falls es nicht eitel Spiel und 
Täuschung sein soll, gehört nun aber vor allen Dingen, was 
in der That jenen zwei so hervorragenden Männern in keiner 



( 



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— 4i — 

Weise fehlte, dass das Leben mit offenen Sinnen aufgenommen 
und die allgemeinen Bedürfnisse und menschlichen Existenz- 
bedingungen getheilt werden,. — dass man ausser dem 
speziellen Fachstudium auch sozusagen den ganzenMenschen 
auszubilden strebt und das unserer natürlichen Anlage inne- 
wohnende Gleichgewicht der Geisteskräfte intact zu erhalten 
und fortwährend wiederherzustellen, ja sogar reiner und in 
tieferen Tiefen des Innern herzustellen trachtet. Dazu ist 
aber wieder die persönlich gewollte, nicht modisch aufge- 
zwungene Antheilnahme an den grossen Geistesbewegungen 
erforderlich, die neben und fern aller einseitig gelehrten 
Bestrebungen im Leben der Menschheit vor sich gehen, 
namentlich wirkliche Antheilnahme an den idealen Gaben der 
Kunst und der Religion. 

Von dem religiösen Dilettantismus und geradezu 
grassesten Unwissen moderner „Bildung" sogar und gerade 
in den höheren und höchsten Kreisen unserer Cultur, in 
unserer wissenschaftlichen, praktischen und Beamten -Welt 
sei hier gar nicht die Rede. Dieser traurige Zustand wird 
durch die mannigfachen Kämpfe der letzten Jahre und Jahr- 
zehnte auf diesem umfassendsten Menschheitsgebiete tag- 
täglich evidenter, und es beginnt sich fürchterlich zu rächen, 
dass, es erinnert sich ja dessen ein Jeder aus Gymnasial- 
und Universitätszeiten, falls nicht etwa brutale Bigotterie 
oder sentimental verlogene Pietisterei herrschte, zur vollen 
Genüge, — dass es in der Sphäre unserer höheren geistigen 
Bildung fast als stillschweigende Anstandsregel galt, sich um 
Religion und Kirche als abgestandene Dinge und über- 
wundene Standpuncte nicht zu bekümmern und nur fein 
ordentlich sein Fach und Amt zu treiben. 

Die natürliche Folge davon war, um wenigstens einen 
Punct näher zu bezeichnen, dass vor allem über den Katho- 
lizismus und die icatholischen Nationen oder Gegenden 
geradezu komische Vorstellungen zu cursiren begannen. Und 
wenn es beim niederen katholischen Volk auch in den auf- 
geklärtesten Gegenden Deutschlands vorkommt, dass sie sich 
verwundern, wenn sie Protestanten von Christus reden hören 



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t -^ 42 - 

oder gar an ihn glauben sehen, so gilt andererseits bei uns 
das Katholische im Grunde schon an und für sich als in 
geistigen Dingen nicht recht zurechnungsfähig und sicher 
nicht zum „freien Denken" befähigt oder nur geneigt. Ueber 
die sozialen und moralischen Qualitäten katholischer Länder 
und Stämme aber braucht man tagtäglich nur die „liberalen" 
Expectorationen der Presse zu sehen, um zu wissen, dass in 
der That nur auf den seltenen Höhen unserer Bildung die 
landläufige Vorstellung von dem an sich Bornirten dieser 
I religiösen Anschauungsweise üjDerwunden und auch die 

Weite und Grösse und menschliche Bildungsmacht erkannt- 
ist, die in einer Form der christlichen Weltanschauung liegen 
\ muss, die eben durch praktische Tradition gar manches auch 

r von der grossen und freien Menschen- und WeltaufTassung 

[ der Antike übernommen und jedenfalls von ihr gelernt hat, 

i gegen alles Menschliche zunächst nur einfach duldsam zu 

; sein. Wenigstens lehrt die tägliche Erfahrung zumal auf 
'l- Reisen, dass wir in religiösen Dingen „höher gearteten" 

I Protestanten gerade der gebildeten Kreise diesen Grad der 

einfachen Tolerirung des Katholischen im persönlichen Um- 
gang nicht aufzuweisen haben und daher folgegemäss in der 
Regel meist erst spät und oft gar nicht auch hinter die 
sogenannten guten Eigenschaften und die eigentliche Sphäre 
der inneren und allgemein -menschlichen Entwicklung in diesen 
Ländern und Gegenden gelangen. Woher es denn auch 
^ kommen, mag, dass es ein norddeutsch-protestantischer 

Historiker in Süddeutschland zu dem culturhistorisch gewiss 
merkwürdigen Ausspruch gelangt war: Der Bayer sei 
der Uebergang vom Oesterreicher zuni Menschen! — 
Diese eine Beobachtung über den Punkt unserer religiösen 
* ' und darauf fussenden ethischen Bildung von heute kann 

für unseren Zweck hier genügen. 

Nun aber, der künstlerische Dilettantismus und die 
ästhetische Hülflosigkeit unserer heutigen Cultur sind noch 
ungleich eclatanter zu Tage getreten, seitdem die Wissen- 
schaft selbst, durch die schöne Literatur darauf aufmerksam 
gemacht, darüber nachdachte, dass an der Sache der Kunst 



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'— 43 — 

doch auch etwas sein möchte, was zu der von ihr ver- 
tretenen und gespendeten Universalbildung gehört. Und als 
gar der Staat selbst hie und da die Sache in die Hand zu 
nehmen sich anschickte, da zeigte sich erst so recht ver- 
driesslich, wo — Barthel den Most holt, oder vielmehr nicht 
holt. Es fehlte eben überall an Capacitäten, ja nur an den 
einfachen Talenten und brauchbaren Individuen auf diesem 
Gebiete. 

Denn will schon das Wesen und Leben des Religiösen 
ganz und sozusagen eigenherzig erfahren und durch solch 
persönliche Erfahrung so sehr fest und sicher ergriffen sein, 
dass es auch wieder in Anderen erweckt und auf die richtige 
Bahn geleitet werden kann, so ist dies in fast noch höherem 
Masse auf dem weiten freien Eigengebiete der Kunst der 
Fall, zu dessen wahrer Gewinnung, zumal nach dem tieferen 
Sinne derselben als einer versöhnenden Redhtfertigung der 
bestehenden Welt, die Lehre und Uebung des Religiösen 
uns in der obenbezeichneten Weise eine lebendige Vor- 
schulung und was unendlich mehr wiegt, die stets und 
überall waltende Idealgrundlage bietet. Und wie sollte nun 
unsere so einseitig verstandesmässige Bildung und vorwiegend 
blos dialectisch-intellectuelle Geistesübung dazu nur den An- 
trieb, wieviel mehf die erforderliche Vorbildung, die Fähig- 
keit der inneren Vorstellung eines Ganzen, Harmonischen 
und Ewigen gewähren können? Obendrein, wer % vermag 
denn überhaupt für den Andern zu sehen, zu hören, das 
nächste Sinnenerfordemiss für die Erfassung des Unterschei- 
denden der Kunst, d. h. der Erscheinung, das in unserer 
flach literarischen Existenz so gut wie gar nicht beachtet 
oder gar gepflegt wird? 

Allerdings „Kunstschulen" sind in den letzten Jahrzehnten 
auch bei uns mannigfache gegründet worden, die zum Theil 
auch Vortreffliches leisten. Was auf dem Gebiet der bildenden 
Kunst z. B. die Münchener Akademie seit mehr als dreissig 
Jahren für Verbreitung eines bessern Geschmacks, zumal 
einer freieren und gefälligeren Kunstindustrie, in plastischer 
und malerischer Decoration u. s. w. im Süden Deutschlands 



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[ - 44 



geleistet hat, ist nur in jüngster Zeit von demjenigen übertroffen 
worden, was auf allen diesen Gebieten durch ein ganz 
aussergewöhnliches Bedürfniss geleitet seit einem Jahrzehnt 
Wien leistet. Hier sind wir zuerst wirksam von dem Ein- 
flüsse Paris, befreit und sogar über das traditionelle aka- 
demische Ideal hinaus auf eigene Füsse gestellt worden. 
Museen für Kunst wie für Kunstgewerbe ferner suchten der 
Befriedigung eines allgemein erwachenden reineren ästhe- 
tischen Bedürfens nach Möglichkeit zu secundiren, und 
kleineren Städten kommen die Künstlervereine mit den Ori- 
ginalen oder doch mit photographischen und plastischen 
Copien zu Hilfe, sodass jetzt in der That auch die Räume 
„gebildeter Häuser" etwas mehr nach diesen höheren Besitz- 
thümem auszuschauen beginnen, als noch vor einem Menschen- 
alter der Fall war. Nur macht sich jene mehrfach berührte, 
im tiefsten Gründe unkünstlerische und sogar kunstfeindliche 
Tendenz unserer rein verstandesmässigen Bildung auf eine 
bemerkenswerthe Weise darin geltend, dass doch in den 
meisten Fällen das Interesse als stofflich und z\yar oft im 
niedrigsten Sinne erscheint. 

Denn während z. B. die poetische Landschaft, in der 
in der That die heutige Kunst „viel Künste übersteigt'*, oder 
das lebensvolle Genrebild unserer Tage bis zu jenen Herz 
und Sinne gleich froh ergreifenden grösseren ethischen 
Lebensstücken von L. Knaus verhältnissmässig selten in 
Copien angetroffen worden, schmücken sich die Salons mit 
den grossen Stichen nach Werken wie Kaulbachs „welt- 
historischen" Wandgemälden, die doch im Grunde nur in die 
Schule gehören, wo eben die Geschichte der Menschheit 
gelehrt werden soll, und zwar nach ganz bestimmten und auf 
die concretesten praktischen Ziele gerichteten Tendenzen 
jeder Art von Staat, Wissenschaft und Leben. Unsere 
Boudoirs oder sagen wir lieber, unsere lieben trauten Fami- 
lienzimmer aber sind mit den seltsamen Bildern zu Goethe 
und anderen grossen und innerlich reinen Dichternaturen von 
demselben Meister ausgeschmückt, mit jenen Photographie- 
blättern, die überallhin eher gehören als in jene deutschen 



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~ 45 - 

Räume, wo das Leben der Familie die Sitte und Sittlichkeit 
des gesammten menschlichen Daseins übt und schafft. Dass 
diese Zeichnungen innerlich unreiner sind als irgend eine 
der beliebtesten Opern Offenbachs oder son^t eines mo- 
dernen Pariser Cailcanc-Componisten, bemerkt der reine Sinn 
unserer Frauen und Töchter nur desshalb nicht, weil das 
ästhetische Vermögen bei ihnen zu wenig entwickelt ist, um 
die fratzenhaft entstellte Interpretation sinnlich reiner und 
ethisch edler Empfindungen der Dichter zu erkennen. Sie 
halten sich sogut wie z. B. bei Gounod's koketten Melodien 
zu Goethes rein menschlichen Seelenlauten an der eigenen 
inneren Vorstellung von diesen schönen Gestalten unseres 
Lebens und nehmen, was ihnen dazu gesungen oder ge- 
zeichnet wird, als eine angenehme Wiederaufweckung und 
Erneuerung des gekannten und geliebten Gegenstandes unbe- 
fangen auf. Bringt es so gewiss keiiien oder wenig Schaden, 
was hier die illustrirende Kunst der neuesten Tagesberühmt- 
heiten darbietet, so möge man es nur nicht als einen 
Beweis künstlerischer Bildung oder gar ästhetischer Cultur 
erachten, was man in dieser Ausschmückung unserer Zimmer 
und Photographiealbums vor sich hat: mit der Kunst und 
ihrem reinigenden und erhebenden Einfluss auf unser ge- 
sammtes Empfinden hat dies nichts zu thun. Auch hier 
heisst es zudem; 

„Den Bösen sind sie los, 
Die Bösen sind geblieben". 

Wir werden wohl noch Jahrzehnte zu thun haben, ehe wir 
diese' Offenbachiaden der bildenden Kunst und ihre unsäglich 
trivialen und rein materiell wirkenden Nachbildungen wieder 
aus unserer deutschen Kunst und Bildung entfernen. 

Wir berühren weiter kurz das Gebiet der Schulen für 
Musik, die „Conservatorien**. 

Seit in Norddeutschland nach dem Vorbildee von Paris 
die Stadt Leipzig ihre Anstalt gegründet und im ganzen 
Norden selbst den kleinsten Städten geschulte Musiker, 
Lehrer, Leiter geschenkt, ist das allgemeine Bedürfniss nach 
solchen selbst in weitesten Kreisen der Nation erwacht, und 



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— 46 — 

zahlreiche Städte folgten dem Anstoss Leipzigs mit weit- 
reichendem Erfolg, So haben jetzt die meisten grösseren 
Städte Norddeutschlands ihre Conservatorien, und man be- 
greift nur nicht, wie es. im deutschen Süden noch grössere 
Residenzen mit Theater und Orchester von ausgezeichnetem 
Range geben mag, die eine so leicht uns selbsteigenen Mitteln 
herzustellende fruchtbare Organisation des gesammten Musik- 
wesens im Lande nicht in 'die Hand genommen haben und 
jahraus jahrein zahlreiche Kräfte mit bedeutenden Mitteln 
ausser Landes gehen lassen, wo sie dieselben mit geringem 
Aufwände selbst bilden und daheim wieder bildend wirken 
lassen könnten. München hat zwar eine Staatsanstalt für 
Musikbildung, Stuttgart eine wenigstens vom Staate unter- 
stützte hohe Schule, deren allgemeine Nützlichkeit sich am 
besten dadurch documentirt, das von ihr bereits eine zweite 
sich abgezweigt hat, Frankfurt, Wiesbaden, Mainz 
stehen im Begriff aus Privat- oder auch Staatsmitteln sich 
Conservatorien zu gründen, — nur Darmstadt und Karls- 
ruhe, wichtige Centralpuncte der kunstsinnigen und ebenso 
musikliebenden oberrheinischen Bevölkerung entbehren jeder 
Spur einer solchen Führung der allgemeinen Landesinteressen 
auf dem Gebiete dieser allgemeinst geübten und erforderten 
Kunst und lassen ihre Bildungsbedürftigen nach Stuttgart 
und Strassburg, wenn nicht gar noch München und weiter 
abziehen. 

Freilich ist nach dieser Seite hin die Kunst von unserer 
allgemeinen Bildung noch weitaus am wenigsten begriffen 
und fast ganz, bis auf wenig Ausnahmen, der Privatthätig- 
keit überlassen. Wir sind nun allerdings weit entfernt, hier 
das so oft citirte und ebenso oft in falschem oder doch be- 
schränktem Sinne verstandene „EmoUit mores" über die Kunst 
zu wiederholen. Wo erst noch zu predigen ist, was die 
Kunst überhaupt gilt und bedeutet und dass sie nicht etwa 
blos so nebenher auch das Leben bildet und fördert oder 
gar nur. „schmückt", sondern entscheidender Bestandtheil 
und Grundbedingung unserer, höheren Existenz ist, da ist 
nicht weit zu kommen und im Grunde gar nicht einmal 



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• - 47 - 

anzufangen. Man erlebt höchstens das Schauspiel jener 
Königlichen Hochschule für Tonkunst in Berlin, wo 
eben ganz solcher Auffassung von „Schmuck des Lebens" 
gemäss nur die äusserliche Mache und Fertigkeit geübt 
wird, die allerdings in der Musik jenen Schmuck, jene äusser- 
liche Decoration vertritt, welche einen ah sich schönen Raum 
hoch gefälliger und heiterer macht, den innerlich verfehlten 
aber in seiner unzweckmässigen. Hässlichkeit nicht entfernt 
verhüllt. In der Wiener Weltausstellung stand unter anderen 
nationalen Musterbauten ein Vorarlberger Haus. Keinerlei 
unnütze Verzierung, aber das Ganze wie das Detail frisch 
und unverblümt dem, Zweck und Bedürfniss entsprechend, 
aus dem es entstanden, nichts verhüllt, cachirt, verschwiegen! 
Was hier die Sache gemacht und die wohlthuend heitere 
Wirkung selbst im einfachen Holzbau erzeugt, ist die frei 
überschauende und das Bedürfniss durch offen klare Dar- 
legung selbst regelnde Potenz des Kunstschaffens, die, auf 
ideales Bedürfen und die grossen lebenumfassenden Ziele 
der Menschheit angewendet, eben auch und zwar einzig ideale 
Wirkung hervorbringt d. h. dem Menschen sein und seines 
Geschlechts wahrhaftes Wollen und Wesen zeigt. Es sind 
geradezu grundlegende Mächte, die hier wirken. Sie zieren 
und schmücken nicht ein Leben, das vielleicht auch ohne 
sie da wäre, sie bauen es vom Grunde aus auf und helfen 
ein neues Dasein schaffen, das der Menschheit wahrhaft 
gleich sieht und nicht wie das vergängliche blosse Tages- 
dasein mit ihrem wahren und ewigen Wesen nur zu oft die 
erschreckende Aehnlichkeit des — Affen hat. 

Dies ahnt denn der wirklich gebildete Kunstreferent und 
Minist erialrath auch recht wohl, besonders wenn auf Reisen 
ihm selbst in der Wirklichkeit ein freier und trotz allem ein- 
ander Widerstrebenden auch idealer gestaltetes Leben er- 
scheint, als es blosse Acten und andere papierne Berichte 
aufzuweisen vermögen. Darum ist man wohl seit langem 
darnach bestrebt, den Hochschulen des technischen wie des 
geistigen Lebens auch die Lebenssäfte der Kunstwissen- 
schaft zu injiciren oder doch Universitäten und Polytech- 



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— 48 — 

niken in einer etwaigen Eigenentwickelung nach dieser Seite 
hin gewähren zu lassen, eingedenk Goethe's Spruch über 
Kunst und Dichtung: 

„Mit gewalt'gen Götterschlägen 
Rufen sie zu Recht zu Pflichten 
Und "bewegen, 

Wie sie singen, wie sie dichten, 
Zum erhabensten Geschäfte, 
Zu der Bildung aller Kräfte!" 

Aber wie sieht es nun an diesen Stätten der Bildung 
mit solcher „Bildung aller Kräfte" selbst aus? 

Es hat lange Zeit gebraucht, ehe von der Religion oder 
vielmehr von der Theologie sich die Philosophie losrang, 
längere, ehe aus der blossen Philologie sich auch die Be- 
trachtung des in Natur und Geschichte Gewordenen gebar 
und sogar die Entwicklung des allgemeinen Geistes- und 
Culturlebens an Hochschulen „gelesen" werden konnte. 
Literaturgeschichte ist jetzt sogar ein ziemlich allge- 
mein anerkanntes selbständiges Fach, und auch für Kunst- 
geschichte d. h. Geschichte der bildenden Künste ist un- 
abhängig von Archäologie oder gar allgemeiner Philologie 
an den grösseren Universitäten ein Lehrstuhl vorhanden. 
Ebenso gilt Aesthetik im allgemeinen für ein besonderes 
Fach und wir haben sogar spezielle Professuren der Aesthetik. 
Das ist gewiss eine schöne Sache und eine echte Errungen- 
schaft jenes modernen Geisteslebens, das eben auch in der 
Wissenschaft das Ganze des Daseins zu umfassen strebt. 
Nur hängen die Nachtheile der bisherigen verkehrten oder 
doch einseitig philologisch-literarischen Bildung gerade hier 
am offensten heraus. 

Weitaus die meisten dieser Aesthetiker, Kunst- und 
Literar-Historiker, — es spricht hier die eigene, langjährig 
bitter empfundene Erfahrung, — oder eigentlich alle ohne 
Ausnahme sind zunächst von den blossen Büchern aus zu 
diesem ihren neuen Fach gekommen. Es trieb sie ein 
lebendiges geistiges Bedürfniss, dies ist wahr und ehrt von 
Winkelmann bis Kugler, von Th. A. Wendt bis A. B. 



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- 49 - 

Marx die deutsche Wissenschaft wie nur je ein Streben und 
Thun sie geehrt hat. Allein Au gen und Ohren bekommt 
man nicht nur so über Nacht, am wenigsten in späteren 
Lebensjahren und wenn eben der Staub der blossen Bücher 
uns schon sozusagen die feineren Sinnesorgane eingetrocknet 
hat. Und doch gehören eben zunächst Auge und Ohr und 
was sich aus dieser natürlichen Sinnenauffassung an höherer 
inneren Vorstellungskraft in uns entwickelt, zur Erfassung des 
""""Schönen und -der Kunst, und was man auch an seinem 
Homer und dem gelesenen Shakspeare, was an Dante und 
Gcethe — denn von der antiken Tragödie kann nicht Rede 
sein, wir kennen nur den Schattenriss ihres wirklichen Ge- 
sichtes, — Herrlichstes erfahren und sich als ästhetisches 
Gesetz eingeprägt hat, es hilft hier nicht viel: die Erscheinung 
der Kunst wie des Lebens will eben gesehen, gehört, erlebt 
sein, sie existirt blos in der sinnlichen Form und ergibt sich 
wie Proteus einzig dem fest und sicher zufassenden sinn- 
lichen Griffe. 

Kam daher bisher dem Mann der Wissenschaft und 
besonders der das „höhere Selbstbewusstsein" bereitenden 
Dialectik und Logik unserer Tage der in seinem „dunklen 
Drange" schaffende Dichter und Künstler immer noch etwas 
unbewusst d. h. albern vor, so ist dies natürlich in neuester 
Zeit ebenso umgekehrt der Fall, wenn der Künstler uns 
Gelehrte mit der kühn bewussten blossen Verstandesbildung 
auf das Eis oder vielmehr in die geheimnissyolle Nacht der 
schaffenden „Bildung aller Kräfte" steigen und da unsere 
logische Leuchte anwenden und nach der „Idee der Sache" 
suchen sieht. Und nichts in der That ist der Summe von 
Unzulänglichkeiten und Irrungen zu vergleichen, die in den 
letzten übereifrigen Jahrzehnten, fast ausschliesslich auf die 
an sich so geistreich feinen ästhetischen Aufstellungen 
Goethes und Schillers gestützt, die aber ja auch was die 
Bühne und überhaupt die volle sinnenhafte Darstellung ihrer 
dichtenden Kunst betrifft, auf die ganze trübe Lage moder- 
ner „Flächebildung" gestellt waren, unsere Kunstgeschichte 
und mehr noch Literarhistorie und Aesthetik im Bezug auf 

Nohl, Unsere geistige Bildung. ^ 



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- So — 

Musik und das ihr im tiefsteh Sinn verwandte Drama auf- 
gestellt haben. Vor allem kann msui sich schon nach 
unserer obigen kurzen Darlegung der Sache* den allgemeinen 
Wirrwarr nicht gross genug vorstellen, wenn also die Ge- 
setze, die vielleicht auf die beschreibende oder doch auf die 
bildende Kunst ganz gut passten, auf die Musik angewendet 
wurden. Bald zu lang bald zu kurz, bald auch die Sache 
selbst sowenig verstehend wie wenn der Indianer den Frack 
nach vom anzieht, aber in keinem Fall Wesen und ge- 
staltendes Leben dieser Kunst selbst angehend, die wie keine 
nur in der Form besteht und doch niemals von ihr dau- 
ernd abhängig sein kann, waren diese ästhetischen und 
darauf fussenden historischen Aufstellungen oft ein Wust von 
Scheinsinn und Unsinn, wie ihn selten Unverstand von der 
Sache selbst mit an sich hoher wissenschaftlichen Bildung 
und sogar oft geistiger Begabung erzeugt hat. 

Es waren, um auch hier wenigstens ein Beispiel zu 
nennen, ohne Zweifel jene ebenso unverständigen wie harten 
Kritiken über R. Wagners „Tannhäuser" und „Lohengrin' 
in den Grenzboten von i8S3 und i854, was einen beson- 
deren Kenner der grossen Kunstbestrebung unserer Tage 
in einer Schrift, die eben deren Begründung in der ethischen 
und ästhetischen Gesammtentwicklung unseres - Geschlechts 
zu finden wusste, das ebenso zutreffende wie scharfe Wort 
aussprechen Hess: „Man mag sich nur diese Musikgönner 
einmal leibhaft und in der Nähe besehen, wenn sie so un- 
ermüdlich Schönheit! Schönheit! rufen, ob sie sich dabei 
wie die im Schoosse des Schönen gebildeten und verwöhn- 
ten Lieblingskinder der Natur ausnehmen oder ob sie nicht 
vielmehr für die eigene Rohheit eine lügnerisch verhüllende 
Form, für die empfindungsarme Nüchternheit einen ästhe- 
tischen Vorwand suchen: wobei ich z. B. an O. Jahn 
denke." 

Und doch war er ein berühmter Archäologe und fast 
noch allgemeiner berühmter Musikgelehrter, dieser Verfasser 
des Werkes über Mozart, das allerdings zuerst die kritisch 



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— Si - 

historische Methode unserer Zeit mit Sicherheit und Erfolg 
auch auf das Gebiet der Tonkunst übertragen, aber in seiner 
formalistisch verallgemeinernden und bomirt ethisch mass- 
regelnden Weise der freien Erscheinung dieses reinsten und 
echtesten aller Künstler und ebenso der freien Tonkunst 
selbst förmlich Gewalt angethan hat. Jene Schrift aber ist 
von Friedrich Nietzsche, ordentlichem Professor der 
classischen Philologie an der Universität Basel, und lautet: 
„Die Geburt, der Tragödie aus dem Geiste der 
Musik," hat also sogleich von deri archimedischen Puncte 
moderner Bildung selbst aus zu der Sache vordringen und 
dabei diejenigen wissenschaftlichen Gegenbestrebungen kenn- 
zeichnen wollen, die hier das hervorbrechende HimmelsHcht 
verhüllen und verhängen möcht?enr Konnte doch, und darauf 
muss man wegen cohsequenter Nichtbeachtung solcher lite- 
rarisch-ästhetischen Schätze gerade von Seite der ästhetisiren- 
den Philologen und Literarhistoriker stets aufs neue zurück- 
kommen, — konnte doch selbst der grösste spezifische Poet 
der Nation, Goethe, auf jene „rasche Explosion" Bettinas 
über Beethoven nicht anders, als in das die tiefe Selbstbe- 
scheidung des schaffenden Genius charakterisirende Wort 
ausbrechen: „Was ein solcher vom Dämon Besessener aus- 
spricht, davor muss ein Laie Ehrfurcht haben, und es muss 
gleichviel gelten, ob er aus Gefühl oder aus Erkenntniss 
spricht. Denn hier walten Götter und streuen 
Samen zu künftiger Einsicht, von der nur zu 
wünschen, dass sie zu ungestörter Ausbildung 
gedeihen möge. Bis sie indessen allgemein werde, 
da müssen die Nebel vor dem menschlichen Geist 
sich erst theilen!" 

Ist dieses schönste Wort über jenen wahrhaft schöpferi- 
schen Geist, das sich obendrein zu dem Schluss erhebt: 
„Ihn belehren zu wollen wäre wohl selbst von einem Ein- 
sichtigeren als ich bin Frevel, da ihm sein Genius vorleuchtet 
und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im 
Dunkeln sitzen und kaum ahnen, von welcher 
Seite der Tag anbrechen werde!" — ist dieses herr- 

4* 



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— 52 — 

liehe Wort unseres eigensten Dichters schon die volle 
Ahnung eines Herrlicheren Kommenden in dem nationalen 
Lebensgebiete, dem er sein Leben geweiht, wie würde er, 
der selbst in berühmtesten Jahren noch von Shakspeare 
ausruft; „William! Stern der schönsten Höhe!" und „seines 
Werthes Vollgewinn" als Künstler diesem „Einzigen" zu- 
schreibt, — wie würde er erst in stillen Jubel ausgebrochen 
sein, wenn er nun in einer Scene wie der Todkündigung 
Brünnhildens an Siegmund in Wagners „Walküre" auch 
wirklich diesen Tag anbrechen gesehen und erkannt hätte, 
dass aus jener wenngleich wortlos doch nicht unbewusst 
tragischen Weltdichtung Beethovens endlich heute eifi Dichter 
mit Ton und Wort das künstlerische Gebilde hervorgezaubert 
hat, das uns wie die Antike selbst anmuthet, weil es wie 
diese aus dem tiefsten und eigentlich tragischen Menschen- 
geiste hervorgeboren ist. 

Und wahrhaft mit innerster Rührung und wie ein Wehen 
des Geistes aus des grossen Dichters Existenz ergriff es 
uns, als wir, ein Musiker und ein Musikhistoriker, im Jahre 
1867 bei seiner geliebten Ottilie geb. Pogwitz waren und 
aus ihrem Munde auch über jene erst vorlaufenden „Tann- 
häuser" und „Lohengrin" Worte hörten, wie sie nur die frei 
auffassende ästhetische Empfindung und der ethisch und 
geistig unbeirrt umsichschauende Sinn eines wirklich künst- 
lerischen Daseins geben konnten. Wie schwebte da Goethes 
wahrhaft universaler Kunstverstand vor uns, der trotz aller 
Abwehr, die sein formaler ästhetischer Sinn gegen das 
„Uebermass der Begabung" bei jenem Beethoven hatte, 
doch in tiefstem Herzen das Hehre und Heilige der Poesie 
erkannte, die in dieser ältesten und modernsten aller Künste 
liegt! Und wie ein Blitzstrahl drang es uns in Seele, wie 
jenes höhere Schauen des grossen Dichters doch auch nie 
und nirgend in unserer Aesthetik und Kunstwissenschaft zum 
Ausgangspunkt einer richtigeren und umfassenden Be- 
trachtung oder auch nur zu einer tolerirenden Ahnung eines 
anderen und tieferen Zusammenhangs der Sache geworden, 
zu einer dunklen Ahnung, dass der ganze Koloss dieser 



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- 53 - 

modernen Aesthetik mit all seinem gelehrten Apparat und 
geistreichem Flitter doch im Grunde gewaltig — auf thöner- 
nen Füssen steht! — 

Doch, um weiter zu gelangen, zum Glück sind heute 
hin und wieder die Künstler selbst wach geworden 
und „mit gewaltigen Götterschlägen" für ihre Sache in die 
Schranken getreten. Nur dass die eigentliche Wissenschaft 
bisher noch wenig darauf hörte! 

Oder findet man, damit auch hier ein Concretes her- 
vorgehoben sei, jene merkwürdigen Kritiken und Essays, 
denen nur diejenigen Goethes und Schillers zur Seite stehen 
bleiben, die kleinen gelegentlichen Schriften, die Franz 
Liszt, der Künstler unserer Zeit nach ihrem höchsten Be- 
griff von Kunst, seit Jahrzehnten über Musik und Oper ge- 
schrieben, oder gar die tief eingehenden Abhandlungen 
R. Wagners über die Ziele und Aufgaben seiner und aller 
Kunst von dieser unserer modernen ästhetischen Wissen- 
schaft anders als entweder frohweg ignorirt oder höchstens 
zum Gegenstand einer oberflächlichen Kritik wenn nicht gar 
einer vornehm achselzuckenden Ablehnung gemacht? Wie 
viel unserer Hof-, Staats- und Universitäts- Bibliotheken 
werden denn von jenen Schriften Liszts etwas besitzen, oder 
was weniger verzeihlich erscheint, die im Jahr 1871 von ihm 
selbst herausgegebenen „Gesammelten Schriften und Dich- 
tungen" R. Wagners auch nur kennen? — Und doch ent- 
halten, dies sei hier als Resultat der ruhigsten Consideration 
vieler Jahre bestimmt ausgesprochen, die ästhetischen 
Schriften dieser beiden Heroen moderner Kunst im Spiegel- 
bilde der Betrachtung nicht blos alles, was unsere Zeit an 
künstlerischer Förderung erfahren, sondern ebenso, was wir 
in ethischer Beziehung Neues und Grosses und in der 
• Anschauung Allgemeingültiges aufzuweisen haben und das 
seinerzeit d. h. zunächst bei der wirklichen Aufführung des 
„Rings des Nibelungen'* wohl manchem der im ästhetischen 
Dunkel Sitzenden ebenso überraschende Hellung über die 
künstlerischen Aufgaben unserer Zeit bringen mag, wie 



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- 54 — 

Liszt's „Graner Messe'' und „Christus" es auf ihrem beson- 
deren Gebiete bereits gethan haben. 

Denn, um jedesmal dem Urtheil nach Möglichkeit 
etwas Positives in die Hand zu geben, wie das künstlerische 
Schaffen Richard Wagners überhaupt aus dem Mutterschoosse 
derjenigen Kunst, die ein Goethe „die schönste Offenbarung 
Gottes" genannt, d. h. also aus dem reinsten Quell unseres 
menschlichen Empfindens stammt und daher in seinem letzten 
Grund und Wesen sich an jene grössten Bildungen 
Beethovens in der gleichen Weise anlehnt, wie die antike 
Tragödie ihren keimvollen Stoff aus den erhabenen Gesängen 
der älteren Lyriker entnahm, die ihrerseits wieder auf dem 
geheimnissvollen Bilden der lebendigen Volksseele in Sage 
und Mythe fusste, welches aus dem Brunnquell heiliger 
Naturempfindung zuerst in Lauten und dann in Wort und 
Bild hervorschoss: so könnte es wohl sein, dass in jener 
Tragödie vom Ring des Nibelungen, die auf dem gleichen 
innersten Urahnen unseres Geschlechts von seinem eigenen 
Wesen beruht und mit dem schmerzlichen Blick in die 
tragischen Tiefen menschlicher Existenz uns den erhebend 
befreienden Ausblick in den sittlichen Bestand dieses Daseins 
gewährt, wie mit einem Zauberschlage auch für die deutsche 
Kunst ein heller Tag anbräche, der zugleich ein Tag für 
das allmenschlich umfassende Leben der Kunst überhaupt 
wäre. Und wie wird sich mancher da die Augen reiben 
und sich sagen : Si tacuisses ! — Denn die Nation wird nicht 
zaudern und abwarten wie der kunstrichterliche Aesthetiker 
unserer Tage, — man sehe z. B. Lotze's „Geschichte der 
Aesthetik in t)eutschland" (München 1868), — sondern wie 
seinerzeit beim Tannhäuser und Lohengrin frischweg ihren 
Wahrspruch abgeben und constatiren, dass sich ihr hier zu- 
erst das eigene Gesicht ganz und voll gezeigt und die Ideale, 
die Grundbewegungen und Ziele unseres Daseins so rein 
enthüllt haben, wie einst unsere grossen Dichter, Goethe an 
der Spitze, uns Leben und Liebe, Natur- und Geistes- 
empfindung enthüllten und die Nation auf die erste Stufe 
wahrer Bildung erhoben. 



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- 55 — 

Denn die wirkliche Vollendung künstlerischer Erscheinung 
ergreift^ wie beim einfachsten Volksliede so bei dem com- 
plizirtesteh und geh eimniss vollsten Vorgange tragischer 
Dichtung dää unbefangene Empfinden mit jener gleichen 
Kraft der Wahrheit, aus der sie selbst die Idealität ihrer 
Erscheinung genommen. Und nicht mehr heisst es hier blos: 

„Wer kann besser als der Sänger 
Dem verirrten Freunde rathen?" 

Nein jjns geradezu ebenso geistig und sittlich auf die eigenen 
Beine zu stellen, wie wir heute endlich politisch auf dieselben 
gestellt erscheinen, vermag die Dichtung, die uns über die 
blos elementaren Grundlagen und mehr zufälligen Naturbe- 
dingungen unserer Existenz hinaus jenen ethischen Be- 
stand des Lebens darstellt, der wie seine ästhetische 
Erscheinung, die Kunst, selbst ganz ein Pro du et des 

.Menschenseins, des Menschengeistes ist und seinen 
Werth, seine Würde, seine ewige Dauer repräsentirt. Und 
dies, wir wiederholen es stets aufs neue, ist der Gehalt, den 

' diese erste nationale Dichtung mit unserem modernen Leben, 
mit dem Wissen der Wissenschaft wie mit dem tiefsten Sinn 
des Religiösen theilt. Nur dass „die alte Schwiegermutter 
Weisheit" und der würdige Oheim Lehre und Ermahnung 
hier dem zarten Bilden der künstlerischen Phantasie zu 
weichen haben, das wie das Leben selbst in „bewusster Un- 
bewusstheit" wieder Leben schafft! 

Man darf also schon jetzt, wo nur erst die Wortdichtung 
fertig vorliegt, geradezu die grössere oder geringere Antheil- 
nahme an diesem wahrhaft modernen und wahrhaft nationalen 
Kunstunternehmen als einen Massstab für das Verstehen, 
wenn nicht der ethischen Aufgaben der Zeit und Nation so 
doch gewiss der praktisch ästhetischen Bildung betrachten, 
bis zu welcher in unseren sogenannt gebildeten Kreisen der 
Einzelne gelangt ist. Wir gaben oben ein Beispiel davon, 
und wollen nur hinzufügen, dass innerhalb unserer speziellen 
Kunst der gleiche Fall schon einmal vorlag, als vor fünfzig 
Jahren neben den hochgepriesenen Glanzlichtern Cherubini, 

-Spontini, Rossini der Genius Beethovens aufging. Es ist 



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- 56 - 

für die ästhetische Bildung jener Tage bezeichnend genug,| 
dass unter alkn Kennern seiner Muse, die allerdings in den! 
gelehrten Kreisen noch wenig häufig waren, nur ein einziger 
praktischer Gelehrter sich findet, der oben genannte Th, A. 
Wen dt, Professor der Philosophie zuerst in Leipzig und 
später in Göttingen. Und der Meister selbst kannte dessen 
„Gedanken über die neuere Tonkunst und van Beethovens 
Musik" in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung von i8i5 
recht wohl und empfahl sie sogar seinem Famulus Schindler 
mit den Worten: es sei viel Weisheit darin, aber auch viel 
blosser Schulverstand. Wobei in der Erinnerung das Wort 
Hegels von dem Einzigen ersteht, der ihn verstanden und 
doch noch missverstanden! Denn in der That, selbst dieser 
Th. A. Wendt verstand nur erst jenen Beethoven des Fidelio 
und der ersten Symphonien, nicht aber jenen, dessen 
Schöpfungen vor allem es waren, die uns diesen Wagner 
und die Vollerscheinung de^ deutschen Kunst geboren haben. 
Doch, um dem nächsten Zweck unserer Darlegungen 
wieder nahe zu gehen und darnach auch zu Schlag und 
Ende zu gelangen, — was wir nach Goethes „Im Anfang 
war die That!" hier auch für die allgemeine Erfassung Ent- 
scheidendes zu erwarten haben : immer bleibt es erforderlich 
und findet ja auch wenigstens hin und wieder seine praktische 
Erfüllung, dass die Wissenschaft als solche ebenfalls 
die Sache der Kunst in die Hand nehme und die- 
selbe mit ihren schärferen Waffen nach ihrer Bedeutung für 
unsere allgemeine Bildung vertrete, mit ihren tiefgehenden 
Beobachtungen nach ihrer Entwicklung und geistigen Art 
darstelle und mit ihren weitreichenden Hülfsmitteliv ins breite 
Ganze unseres geistigen Lebens verbreite. Denn nur so 
vermag das Aesthetische mit der Energie der klaren Vor- 
stellung von der Sache auch in das allgemeine Bewusstsein 
zu dringen und so' wie es schon Schiller in seiner gar zu wenig 
beachteten „Aesthetischen Erziehung des Menschenge- 
schlechtes" erstrebte, integrirender Theil und influirende 
Potenz unserer geistigen Bildung zu werden. Gehört doch 
der volle Apparat der modernen philologischen Kritik dazu, 



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- 57 - 

um zunächst hier nur einmal das thatsächiich Gewisse der 
historischen Entwicklung festzustellen! Während andrerseits 
neben und über solcher exacten Erforschung der Thatsachen 
hier vor allem jene tiefere wissenschaftliche und recht 
eigentlich philosophische Kraft zu walten hat, die nicht blos 
im Ganzen den Zusammenhang dieser Kunst erscheinungen 
mit dem allgemeinen .geistigen Leben aufdeckt, sondern vor 
allem die psychologische Entwicklung der einzelnen 
Geister erkennt, die nach ihrer individuell menschlichen Art 
mit mächtigem Ruck die Kunst selbst weiter zu fördern 
wussten und in ihrem Schaffen eine Geistesthat erfüllten, 
auf welche der Spruch im „Deutschen Parnass" passt: 

„Auf, ihr Brüder! 

Ehrt die Lieder! 

Sie sind gleich den guten Thaten!" 

Zumal jene Centralstellen wissenschaftlicher Schulung, 
unsere deutschen Universitäten haben hier die entschei- 
dende Leistung zu thun, um sowohl . die dilettantischen 
Experimente der allgemeinen Bildung zu controliren und 
rectifiziren, wie so manche Willkür der Künstler selbst in«Be- 
urtheilung des Entwicklungsganges und der Aufgaben ihrer- 
Kunst abzuschneiden oder doch unschädlich zu machen. 
Hier kann wirklich die „Schwiegermutter Weisheit'* das 
,,zarte Seelchen" Phantasie ohne sie zu beleidigen zum Rechten 
weisen und vor Irrthum d. h. nutzloser Verschwendung der 
Kraft bewahren. Denn die gleiche innere Besonnenheit, die 
der Künstler in der Kritik der Ausführung seiner eigenen 
im schönen Wahne empfangenen Ideen zu üben hat, muss 
für ihn und alle Welt die Wissenschaft und Kritik in der 
Beurtheilung der Gesammtleistung und Gesammtentwicklung 
der Kunst bethätigen. Sie beide haben fortwährend von 
einander zu lernen und einander zu geben. Thöricht sich 
abschliessender Hochmuth und dumpfer Kastengeist entzieht 
beiden in völlig gleicher Weise entscheidende Lebensquellen. 

Dies haben denn, zumal seitdem durch Lessings Ueber- 
leitung unsere grossen Dichter sich an der Wissenschaft und 
Philosophie d. h. an dem höheren geistigen Leben der 



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— 58 — 

Nation lebendig zu betheiligen begannen, auch die Gelehrten 
wohl gefühlt, und wir berührten schon, dass es in neuerer 
Zeit allgemeines Anstandsbestreben ward, dieses aufdämmernde 
Bewusstsein dadurch praktisch zu documentiren, dass man 
wenn nicht einen schönen, so doch einen guten Styl 
schreibe. Und manche möchten auch wohl nach ihrer 
Meinung die Krone ihres Bestrebens . erreicht und es der 
„Meisterschaft nahe gebracht haben," hätte sich ihnen nicht 
leider in vollem Ernst „die Sprache unüberwindlich gezeigt." 
Und nicht war es hier so wie bei dem Altmeister unserer 
Dichtung, der in solch schmerzliche Klage ausbricht, weil 
sein erwachendes Gefühl für die Poesie des Lebens und 
seiner Zeit und Nation in der That die Sprache noch in 
einer Rohheit und vor allem in einer Unbehülflichkeit für 
die letzten und zartesten Empfindungen wie für die wirklich 
geistigen Vorstellungen und Beziehungen fand, die allein es 
sein konnte, was ihn gleich Shakspeare so oft mit wahrer 
Sehnsucht nach der doch scheinbar geringeren Sprache der 
Töne hinüberschauen Hess! Sondern eben der Mangel an 
wirklicher Empfindung für das, was lebendig und daher an 
sich schön ist, Hess diese neueren Männer der Wissenschaft 
oder der Praxis selbst dann nicht zu einer natüriichen Schön- 
heit und inneren Lebendigkeit der Sprache kommen, wenn 
sie sich ganz direct und absichtsvoll zur sogenannt schön- 
geistigen oder wenigstens populären Darstellung allgemein 
interessirender Dinge wandten. 

Da ist, um auch hier zuletzt das discussionsfahige Object 
nicht schuldig zu bleiben, z. B. eben jener Gervinus, dessen 
Geschichte der deutschen Nationalliteratur und des neun- 
zehnten Jahrhunderts wie sein Compendium über Shakspeare 
doch gewiss populär sein, d. h. unsere literarische und 
staatliche Entwicklung auch der allgemeinen Bildung zu Ge- 
müth und Bewusstsein führen wollten. Von Sinn und Inhalt 
derselben zu schweigen, die allerdings häufig die Kritik des 
gesunden Menschenverstandes gegen solche tendenziöse 
Entstellung und äusserHch vorurtheilsvolle Formauffassung 
herausfordern: ist dieser Styl nicht geradezu fürchteriich? — 



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- 59 - 

Wie hohle Schädel grinsen uns diese doctrinär geschraubten 
Phrasen an , und man wird nur später staunen, wie solcher 
hohe Mangel an Kunst- und Lebenssinn jemals hat über 
Kunst und Leben schreiben dürfen und gar seine Zeit und 
Nation im Grossen dieser herrlichsten Dinge unserer Existenz 
zum Rechten und Ganzen führen wollen. 

Da ist jener David Straus, allüberall als „Muster 
deutschen Styls" gepriesen! — Hier verweise ich zunächst 
auf Friedrich Nietzsche's „Unzeitgemässe Betrachtungen" 
(Schloss Chemnitz 1873 i. Theil 2. Abschnitt), nach deren 
Erscheinen allerdings bei allen Verständigen diesem Schrift- 
steller „der Ruhm zu dunkeln begonnen hat''. Wie wäre 
es aber auch möglich, dass lebendiges Sprachgefühl und 
Wärme der Rede walte, wo für das was sich die Sprache 
erzeugt und wofür sie ihre göttlichen Anlagen zu verwerthen 
hat, für die wahren und tiefsten Bedürfnisse unserer Existenz 
nach aussen wie nach innen der Sinn völlig erstarrt erscheint 
und . an Stelle von Lessings wahrhaft verehrungswürdigem 
Wahrheits- und Gemeingefühl kleinlich eitle Verstandesrecht- 
haberei und ein rücksichtslos sich selbst vergötternder Selbst- 
genuss getreten ist? ' , 

Wie hat man nur je dieses Lessings reine freie Seele 
und die hehre Art, in der er mit allen Fasern und Organen 
rückhaltlos sich selbst an das hingibt, was er von der 
Wahrheit mit redlichem Bemühen gesucht und mit fühlbarem 
Krschauern seines innersten Wesens gefunden, mit der 
coketten und „den redlichen Gewinn suchenden" Schrift- 
stellerei vergleichen können, die in diesen höchsten Gebieten 
geistigen und sittlichen Daseins ein Mann wie D. Strauss 
im Grunde treibt? Denn viel anders kann man seine zahl- 
reichen Schriften nach dem auf anderswo gelegten rein 
wissenschaftlichen Grundlagen aufgebauten und weltberühmt 
gewordenen „Leben Jesu", zumal die späteren und vor 
allem den „Alten und neuen Glauben" nicht auffassen, wenn 
märt sie mit Ernst und Versenkung in ihren Gegenstand 
liest und dabei der kurz angebundenen Streitschriften und 
Abhandlungen gedenkt, die einst diesem Lessing geradezu 



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— 6o — 

die heilige Noth des Geistes und Gemüthes abgepresst und 
die eben dadurch auch der erste nachhaltige Anstoss zu 
einer freieren geistigen Bewegung in den weitesten Kreisen 
der Bildung bei uns wurde. 

Auf den materiellen Inhalt dieser letztgenannten Schrift 
und deren gesammte , Weltanschauung, die an die Stelle 
jener Hingabe an das Ganze, die erst den Menschen zum 
Menschen macht, eben das liebe kleine Ich, den trokenen 
Selbstgenuss setzt und einen wahrhaft komisch armseligen 
neuen „Bildungs-Glauben" construirt, der einer Hülse gleicht, 
deren lebendig fruchtbringenden Kern der Wind längst auf 
anderen wirklich fruchtbaren Boden entführt hat, — auf diese 
ganze, trotz allem hochgeistigen Schein und streng wissen- 
schaftlichen Air dennoch im tiefsten Grunde gemüth- und 
sogar geistlose, in jedem Falle aber innen völlig haltlose 
Anschauung haben wir hier nicht näher einzugehen, wir be- 
rührten bereits oben ihren Kern. Allein wie deutlich fühlbar 
wird ihre innre Leere und Leblosigkeit in dem vielgerühmten 
Styl dieses Mannes, sooft er nicht als positives Material 
übertragender Gelehrter sondern als lebendigen Stoff spen- 
dender und selbst wieder erzeugender Schrifsteller d. h. als 
Lehrer der geistigen Menge auftritt. Innerlich trocken und 
unbewegt bis zur Starrheit ' und äusserlich blos acten- 
mässig klar bis zur Plattheit und Seichtigkeit bildet dieser 
Styl den vollen Gegensatz gegen jenen Lessing, der unter 
höchster Einfachheit, krystallheller Klarheit und scharf zuge- 
spitzter Sicherheit bis in den einzelnen Ausdruck hinein eine 
Vieldeutigkeit oder vielmehr Vielbedeutsamkeit des Wortes 
und Gedankens und vor allem eine innere Lebenswärme 
barg, die uns stets wieder auch zu denjenigen seiner Schriften, 
deren Gegenstand uns heute nur wenig Bedeutung mehr hat, 
mit einer Sehnsucht wie zu einem nährenden und heilenden 
Born hinzieht. Es ist wahr, die Lebenswärme ist hier ge- 
wissermassen noch latent, aber sie ist da. Lessing hatte 
Gemüth, hatte Gemüth wie er Geist hatte, obwohl er eben- 
sowenig diesem Gemüth besonderen Gebrauch macht, wie 
er auch nur entfernt blos „geistreich** ist. Aber wo die 



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- 6i — 

innere Wärme ausgeflogen ist und das Nest dürre leer 
und kalt gelassen hat, wie soll da auch im Styl von Lebens- 
wärme, von demjenigen Rede sein, was uns selbst wieder 
erwärmt, erfreut, beseelt? 

Und dabei wie gering ist die innere Tragkraft, wie 
scheut der Sinn sich nur auf kurzen Vogelflug vom sicheren 
Zweige zu entfernen! 

Man preist so sehr die „kurzen Sätze", und sie erreichen 
nicht allein ihren Zweck sondern thun Wund er Wirkung, wo 
ich z. B. eine logische Beweisführung mit zündender Sicher- 
heit in Sinn und Geist der Hörer werfen oder eine spannend 
lebhafte Action zur überwältigenden Anschauung bringen 
\^dll. Allein wo es gilt, vor allem durch innere Anspannung 
jene Lebenswärme und die aus ihr hervorgehende geistige 
Selbstthätigkeit zu erzeugen, mit der allein „Walirheiten" sei 
es des Lebens oder des Geistes wirklich erfasst werden, da 
gewinnt, wenn der rechte Sinn und der Ernst der eigenen 
Ueberzeugung wie der Antheilnahme an dem Andern, noch 
nicht Unterrichteten waltet, der Styl von selbst jenes weit 
Spannende, kühn Ueberwölbende, hoch sich Aufschwingende, 
das den Hörer ebenso nöthigt, sich selbst innerlich mit in 
Bewegung und Anspannung zu setzen und am Ende gar 
sich aufzuschwingen, wie es ihn andrerseits in dieser Thä- 
tigkeit unterstützt, ihm Lücken seiner Bildung und Klüfte 
der Anschauung überbrückt und gleich Ganymeds Adler ihn 
hinauf zu den freien Höhen führt, wo er nun wahrhaft selbst 
auch Schau über die weiten Lande der ihm vorgeführten 
Geistes- oder Lebensdinge halten kann. 

Ist von dieser wonnigen Weite und Wärme der eigent- 
lichen Geistesthätigkeit und Geistesdarstellung auch nur irgend 
in diesem „Alten und Neuen Glauben*' Rede? — Nein trocken 
und sogar trivial geht es weiter und immer weiter, und wo 
wir in diesen höchsten Ueberzeugungen Leben, Wärme, 
Selbstüberzeugung und ein lebendiges Ganze suchen, zu dem 
wir uns gehörend fühlen, da .klapperts wie.Sancho Pansas 
Mühle nachts dort unten in der Ferne, und uns graut wie 
ihm vor einem schrecklichen Ungeheuer. Nur hat das Unge- 



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— 62 - 

heuer hier Sinn und Namen: es heisst persönliche Geist- 
und Gemüthlosigkeit und Mangel an wahrem innerem 
Antheilnehmeh an dem Leben der Zeit, ja an dem bei aller 
endlosen Bedürftigkeit unendlich froh lebendigen Leben der 
Menschheit 

Dies führt uns d«nn auf einen andern Punkt, der hier 
ausdrücklich zu betonen ist, auf die Urtheile dieses Schrift- 
stellers über diejenige geistige Aeusserung des inneren Selbst, 
die unserer Zeit die besonderste ist und ihr ein ganz neues 
Gesicht gegeben hat, über die Musik. Denn wenn schon 
das Gebiet des Schönen und der Kunst überhaupt, wie 
unendlich mehr noch musste der geheimnissvolle Geistes- 
und Lebensborn, der in dieser Kunst fliesst, einen Mann 
reizen, der den alten Glauben hätte umstossen oder doch 
ignoriren mögen, um seinen Gottesdienst dann in Gebieten 
treiben, die seinen Vorstellungen von einem Wahren und 
Ewigen besser entsprächen als die bisherigen religiösen und 
kirchlichen. Und hätte nicht schon das Bisherige aufgedeckt, 
wie innerlich todt und hohl, wie wenig Positives und Leben- 
diges bietend diese ganze Anschauungsweise ist, die beiden 
„Zulagen" in dem genannten Buche hätten gewiss darüber 
aufgeklärt, auf welohe Weise nun die „vielen Tausende 
und nicht die Schlechtesten im Lande*', in deren Namen 
dieser traurige Mann spricht, von sich ausrufen: 
„So leben wir, so wandeln wir beglückt". 

Es ist dies auch die sicherste Erklärung der inneren Un- 
lebendigkeit und des Mangels an Substanz und Fülle in der 
Schreibart dieser sonderbaren Propheten, der der Welt 
einen „neuen Glauben" schaffen oder wenigstens „Ersatz- 
mittel für die Erbauung in der Kirche" darreichen will. 

Dass jener Lessihg „Werthers Leiden" nicht verstand 
oder vielmehr nach seinem den nächsten praktischen Geistes- 
und Lebensaufgaben zugewendeten Sinn eben die Folgen 
dieser Leiden zu coupiren trachtete, da dieselben doch eine 
unabwendbare ethische Kinderkrankheit der neugeborenen 
Nation war, — dies verzeiht ihm nur derjenige nicht, der 
nicht selbst innerhalb der Schranken dieser seiner geistigen 



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— 63* — 

Auffassung sein unverbrüchliches Wahrheits- und Lebens- 
gefühl zu erkennen und zu verehren weiss. Aber wer mit 
dem Anschein „musikalisch zu sein" d. h. die innere Natur 
der Musik, nicht blos ihre wechselnde änssere Form und 
Erscheinungsart zu verstehen, so wie David Strauss über den 
letzten Beethoven, vorab über die Neunte Symphonie 
redet, der begeht einfach ein Verbrechen an dem innersten 
Weben des Genius der Nation und der modernen Menschheit 
oder beweist doch, dass er von dem, was uns heute am 
tiefsten bewegt und am reinsten menschlich innen rührt, auch 
nicht eine Ahnung wie viel weniger eine lebendige Empfin- 
dung hat. Regungslos starr und innen unbewegt, in thÖ- 
richstem Wahn und fest geronnener Formvorstellung befangen 
müssen Herz und Geist sein, wo dieses freieste Geistes- 
schauen, dieses tiefste Gemüthserleben eines Künstlers 
unverstanden bleibt, der nicht allein seine Kunst lebendig 
warm am Herzen hegte, sondern ein unsagbar tiefes Mit- 
Erleben und Mit-Leiden mit allem dem hatte, was ihm 
überhaupt persönlich vom Leben dargereicht wurde, ja der 
wie der echte Tragiker und Dichter Leid und Freude der 
Menschheit in seinem Busen mitbewegte. 

Wir enthalten uns jedes Citats aus dieser zweiten Zugabe, 
betitelt „Von unseren grossen Musikern". Der innere Ekel 
lässt es nicht zu, und zwar nicht blos der ästhetische. Aber 
wenn die regelmässigen Kritiker solcher theologischen Er- 
scheinungen sei es aus Mangel an Sachverstand sei es weil 
sie überhaupt nicht ästhetische Bildung genug besessen, um 
den Mangel und Hohn hier zu empfinden, bisher über die 
Sache stillschweigend hinweggegangen sind oder doch dieselbe 
nie und nirgend recht betont haben, so sei es hier ausdrück- 
lich gesagt, — denn es ist ein berühmter, will sagen viel 
gelesener Schriftsteller, der hier über unsere Kunst geredet 
hat : es ist eine Schmach für die Zeit und Nation, 
so über edelste und fruchtbringendste Güter ihres 
geistigen Gesammtbesitzes geredet zu sehen. 

Allein er ist ein „berühmter Mann," und seine allge- 
nieine „hohe Bildung** berechtigt ihn über Alles und Jedes 



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— 64 — 

der Zeit und Menschheit zu reden und wenn es ihm selb. 
wie die Sterne die ewigen ewig unerreichbar fern stand« ! 
Auf welcher Stuf^ der ästhetischen Cultür,-. nein nur d€ 
positiven ethischen Bildung muss eine Zeit stehen, die sie 
so etwas nicht blos gefallen lässt, sondern gar Beifa 
klatscht, wenn ihr die schönsten ihrer Güter, — denn daz 
gehören wie keine in höherem Grade eben die Neunte 
Symphonie Beethovens und seine Letzten Quartette, — mi ; 
unheiligen Händen angetastet und mit wahrhaft grause 
Herzensöde vor den Augen zerzaust oder wie es so gelehr 
fein heisst „kritisch beleuchtet" werden ! Dass eine Wel 
von innerem Leben in diesen letzten Werken Beethovenf 
ist und eine Welt, die aus den tiefsten Leiden des In- 
dividuums geboren, uns wahrhaft das Leiden und den inneren 
Gewinn der Menschheit aufdeckt, wie kein Dichter, kein 
Tragiker vorher es mehr gethan, das sieht dieser berühmte 
Theologe und Schriftsteller nicht, und die Welt glaubt es 
ihm, dass hier eine wüste Leere ist und „das Barocke als 
das Geniale, das Formlose als das Erhabene erscheint/* 
Wahrlich, im Angesicht solcher Erscheinungen entflieht auch 
der letzte Glaube an eine bereits wirklich erreichte höhere 
Cultur in dem Bestände unserer allgemeinen oder auch 
höheren Bildung, und jedenfalls ist ihr Erreichen einstweilen 
noch in gute Ferne gerückt. 

Was aber nun hier zuletzt noch besonders hervorge- 
hoben werden muss, weil es den Zustand oder vielmehr 
Missbestand des Strauss'schen Styles aufs sicherste erklärt, 
ist eben jene besondere Eigenschaft dieser letzten und 
eigentlichen Beethoven'schen Musik, dass ihr Styl eine nie 
gesehene Schwung- und Tragkraft urtd zwar ganz aus 
eigensten Mitteln hat. Da setzt man nicht mühsam Stück- 
chen und Stückchen, Sätzchen und Sätzchen zusammen und 
ruht rasch ermüdet schon auf dem allernächsten Inter- 
punctionspfählchen wieder aus. Sondern wie dieser Geist 
selbst mit der Kraft des Geistes, des unendlichen, sich von 
der Erde Leiden und Beschränkung losreist und kühnen 
Flugs ins Unermess'ne strebt, so gewinnt sein Styl eine 



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— 65 — 

Schwungkraft, der Aufbau seiner Perioden eine Weite und 
Kühnheit, die selbst wieder die Seele weitet und die An- 
schauungskraft erhöht, sodass wir tief freudigsten Auf- 
athmens mit fort ins Unendliche stürmen: 

„Umfangend umfangen! 
Aufwärts an deinen Busen, 
Allliebender Vater!" 

Das ist Styl, und das trägt sich selbst, und zwar 
selbst in weitester Spannung mit vollster Sicherheit. Da 
kann die Zeit, die Nation lernen, und selbst die schöne 
Weitathmigkeit Schillers noch ihre Erweiterung finden: denn 
hier ist Leben und Freiheit des Geistes und zwar im grossen 
Sinne. Man weiss nicht, bewundert man mehr die Kühnheit 
des Bestrebens oder die Sicherheit des Gelingens oder end- 
Hch die unsägliche Schönheit, die überirdische Harmonie 
dieser Erscheinungen? Aber soviel steht fest: wie unser 
geistiges und speziell unser dichterisches Leben so kann hier 
unser „geliebtes Deutsch" etwas lernen. Denn hier wird 
wenn auch in blossen Tönen doch zuerst deutsch im 
grossen und grössten Styl gesprochen. Aber aller- 
dings für Schüler und Stümper in ihrer Muttersprache ist 
dieser Styl nicht. 

Ob nun andere Gelehrte und Schriftsteller etwas davon 
gelernt haben? — Wir wollen sehen. 

Da ist zuerst wieder Otto Jahn mit seinen Schriften 
über Kunst und Musik, besonders mit jener ersten guten 
Mozartbiographie. Es klingt wohl wie deutsch, aber die 
Glocke ist gesprungen. Innere Continuität, lebendige Flüssig- 
keit und jene Temperatur, die uns die Nähe des Lebens 
fühlen lässt, sie fehlen durchaus und man kommt schliesslich 
zu der Empfindung, dieser Mann hat überhaupt kein Herz 
im Leibe oder doch gewiss im Grunde für seinen Erwählten 
Mozart so wenig Herz wie für den „zerzausten" R. Wagner, 
der ihm ebenso blos ein willkommenes anatomisches Probir- 
stück war wie jenem D. Strauss die spätere Beethovensche 
und die Kunst-Entwicklung unserer Zeit überhaupt, die ihm 
„nervös überreizt'* und „nach Geist und Effect eitel haschend" 

Nohl, Unsere geistige Bildung. 5 



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— 66 — 

ist. Nur sich selbst trägt man auch hier wieder im Herzen 
und höchstens noch jene „Wissenschaft," die aus einer edlen 
Schwester oder auch „Schwiegermutter" der Kunst ihre 
stricte Gegnerin geworden scheint, oder auch den überall 
so lebhaft betonten „sittlichen Ernst," der sich zu wirklicher 
ethischen d. h. menschlichen Bildung ganz so verhält wie 
der Metternichsche Polizeistaat zu jenen edlen Bestrebungen 
des Jahrhunderts, dem Menschen in einem wirklichen politi- 
schen Gemeinwesen seine Würde und Wahrheit wiederzu- 
geben ja erst die wirkliche Existenz zu bereiten. Ist hier 
der Kunst gedient? — Nein, nicht einmal der wahren 
Wissenschaft, wenn sie die Erkenntniss des freien und ewig 
flüssigen Stromes des Geistes der Menschheit bereiten und 
uns selbst wieder an diesem wahrhaft lebendigen und ewig 
jugendfrischen Leben Antheil nehmen lassen soll. 

Braucht man viel weiter zu gehen? — 

Selbst bei einem „Aesthetiker" wie Fr. Th. Vischer, 
der persönlich lebhaft geistig angeregt erscheint und auch 
selbst, namentlich in seinen nicht direct wissenschaftlichen 
Schriften wie den „Kritischen Gängen", die gleiche Wirkung 
ausübt, starren und stocken stets wieder unversehens die 
Brocken des unvollendeten Schmelzflusses, weil trotz alles 
wirklich ernsten Bemühens und redlichen Vorgehens in 
Folge der voraufgegangenen „streng wissenschaftlichen" d. h. 
zu einseitig philologisch-literarischen Bildung des Geistes 
dieser selbst, so frisch und lebendig er ist, nicht recht in 
Fluss kommt und das ganze Innere so bewegt zeigt, wie 
Natur und Leben selbst stets in sprudelnder AUbeweguiig 
sind und aus ihr auch stets neu lebendig zeugen und schaffen. 
An den oft von Geist und concretem Leben sprudelnden 
und an feinen Einzelbemerkungen so reichen Darstellungen 
dieses an sich immer noch sehr vorurtheilsfreien Beobachters 
in Kunst und Leben erweist sich im Grunde am evidentesten, 
was uns in unserer Bildung eben an wirklicher „ästhetischen 
Cultur" noch mangelt. Denn hier werden diese inneren 
Lebenspotenzen lebendig erregt und zeigen sich sogar als 
persönliche Fähigkeiten, und so erweist sich, dass nicht in- 



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- e^ - 

dividueller Mangel sondern allgemeines Entbehren und Ent- 
rathen die Ursache davon ist, dass uns Iver im Style wie in 
der ihn erzeugenden Anschauung im Grunde ebenfalls etwas 
Wesentliches fehlt. 

Dass er nicht „musikalisch" gesteht dieser erste allge- 
mein durchgedrungene Codifizirer der Gesammtästhetik zu. 
Aber eben dass er in dieser Beziehung doch „sein volles Herz 
wahrte," dass er keusch und scheu dem Dienst dieser 
Himmelstochter sein Weihegebiet Hess und in geziemender 
Ehrfurcht an den Mauern ihres dunklen Haines Halt machte, 
dies bereitete ihm von dem Wesen des Dienstes, der darin 
getrieben wird, eine tiefere Ahnung als all den andern* eben- 
so Aussenstehenden miteinander. Nicht am heiligen Ganzen 
dieses Dienstes eines Höheren frevelte er, sondern fehlte 
nur im Einzelnen und mehr Indifferenten. Derweilen Jensen 
eben dieses Ganze ein Mysterium blieb und gar eines, in 
das ihre Phantasie nicht den reinen Dienst des Menschlichen 
versetzte wie der Dichter in die Mysterien von Eleusis son- 
dern das Unreine, Garstige, mit dem reinen Sinnenthum des 
jVIertschen frivol Spielende! 

Und nun von modernen Dichtern d. h. Prosaikern und 
Romanschreibern? 

Ein Mann wie Karl Gutzkow hat das geradezu Un- 
poetische oder vielmehr Antipoetische seiner ganzen Natur 
selbst zur Genüge aufgedeckt, als er bekannte, von der 
Musik nicht etwa wie Mephisto blos „um die Ohren ge- 
krabbelt" zu sein sondern gar einen sinnlichen will sagen 
ungeziemenden Reiz zu erfahren. Das sind die weltbe- 
herrschenden Römer, die jeden Dienst nach ihrem Rom 
schleppten und auch den keuschesten schliesslich zum 
Reizmittel der kalt egoistisehen Begierde zu machen wussten, 
nicht aber jene wirklich noch heute die Herrschaft der Welt 
behauptenden edlen Griechen ,' die eben jene Mysterien des 
echt Menschlichen getreu in ihre festiichen Gottesdienste 
aufnahmen und ihrem lebendigen Aufkeimen denn in der 
That jenes göttliche Menschheitsgebilde verdankten, das wir 
in ihrer Tragödie noch heute als eine erste Wahrheit und 



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— 68 — 

Schönheit in der Darstellung unseres Geschlechts bewunderii 
Ob die Leute, die .über den Dienst im Mysterium der Musilj 
spotten, wohl ahnen, dass sie das Mysterium unseres innere! 
Lebens selbst verspotten und daher schon an und für sicl; 
von 4emselben ausgeschlossen erscheinen und wie di^ 
mit den Fetzen der Kunst vermummten Todtenköpf<i 
aussehen? — 

Eine gleiche innerste Trockenheit des Styls und dei 
ganzen Natur, die uns selbst je länger je mehr selbst ir| 
Stauen und Stocken versetzt, bekundet ein anderer „ben 
rühmter" Roman- und Sitten-Schriftsteller unserer Tage, 
Gustav Freitag. Da ist zum unlebendigen nordischen 
Verstandesmechanismus noch die todte Lebensliniirung der 
kaufmännischen Geschäftsbücher oder auch gelehrter Com- 
pendien gekommen, und man ruft im Angesicht solcher Er- 
scheinungen in trauerndem Entsetzen über die volle Flueht des 
Genius unseres Jahrhunderts mit „Wanderers Sturmlied'* aus : 

„Weh! Weh! Innre Wärme, 

Seelenwärme, 

Mittelpunct!" 

Nur wo das Leben als Verbrechen und Criminalge- 
schichte auftritt, erscheint hier auch wirkliches Leben. 
Allein in welcher Gestalt? — So wie es in die Acten und 
den aus ihnen gebildeten Pitaval gehört! Will man diese 
Seite unserer idealitäts- und schönheitslosen Roman- und 
Noyellenschriftstellerei in voller erstarrten Reinheit strahlen 
sehen, so gehe man zu Jodocus Temme's nothgedrungenen 
Criminalnovellen. Welche Fülle von Poesie strömt doch, 
mit diesen Ausgeburten der vollendetsten Anästhetik ver- 
glichen, aus den Räuber- und Ritterromanen der Perioden 
vorher ! — Die Welt ist nicht blos ehern , sie ist zugleich 
ledern geworden. Eiserne Gewalt und philiströseste Trocken- 
heit scheinen die Tage der unmittelbaren Gegenwart zu 
beherrschen zu sollen. 

Doch da ist, eine frühe Oase in solcher alten Wüste, 
der edle Otto Ludwig! 

Man erzählt uns, er sei seines Zeichens ursprünglich 



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- 69 - 

Musiker gewesen und sogar des innig poetischen Robert 
Schumann Schüler. Nur habe sich die Beschäftigung mit 
dieser Kunst als für sein Nervensystem zu aufreibend er- 
wiesen, wie er denn auch bald in seinem physischen Ver- 
mögen erschöpft war und ein frühes Ende gefunden hat. 
Doch soll eine selbst gedichtete und auch .in der Musik 
bereits ausgeführte Oper „Romeo u;id Julia" das Resultat 
seines Jugendaufenthaltes unter den holdseligen Töchtern 
des Lykomedes gewesen sein. 

Nun, die allgemeine geistige Bildung theilt er nicht blos 
mit seiner Zeit , sondern er steht sogar in gewissem Sinne 
auf der Höhe derselben, wie sich schön von vorn hinein 
aus der Art der, geistigen und speziellen psychologischen 
Probleme zeigt, die seine Novellen wie seine Tragödien sich 
gestellt haben, l^r will dem Seelenprozess der menschlichen 
Existenz selbst nahe kommen, und seinen tief eindringenden 
psychologischen Sinn finden wir erst in deni wirklichen 
Dichter und Musiker Richard Wagner, aber freilich da nicht 
blos in erhöhter Potenz, sondern vor allem in geklärter 
Weise wieder. Was aber Ludwig auszeichnet und ihn uns 
hier als ein erstes Product jener allgemeinen geistigen Bildung 
unserer. Zeit speziell mit wirklicher inneren d. h. ethischen 
und ästhetischen Cultur erscheinen lässt, ist zunächst der 
völlig warm lebendige Ton in seiner Darstellung, ein wahrer 
Lebenston, dessen fruchtbare Wirkung sich bis ins Kleinste 
des Styls, der feinen Abtönung, der lebendigen Farben- 
gebung, der feinen rhythmischen Bewegung u. s. w. be- 
kundet. Nur dass hier, wo blos das Wort d. h. die Dialectik 
des Verstandes waltet, das Ganze naturgemäss einen etwas 
stoffartig wirkenden Beischmack bekommt! Denn so wie der 
Anatom uns die einzelnen Organe des Lebens aufdeckt, 
wird hier gewissermassen der Organismus der Seele selbst 
präparirt, und dieses Experiment kann nicht anders als stoff- 
artig auf unsere Phantasie und Empfindung wirken, weil 
eben das concrete Einzelne nicht zu jener Allgemeinheit 
verklärt ist, wo wir im Individuum das ewige Leben der 
Welt selbst empfinden. Hier ward dem Schriftsteller im 



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- 70 — 

Gegensatz zu jenen unmusikalischen Romanhelden unsere 
Zeit die Kenntniss der wirklichen Sprache des Seelenlebens 
die Kenntniss der Musik zu einem ominösen und soga 
tragischen Besitz, und sein Fehler ist ein Zuviel de; 
seelisch-poetischen Lebens, wo Jene dieses Kerns aller Poesi< 
zu wenig ödes gar nichts besassen. 

Allein eben dieser, Ueberschuss weist uns auf das rechte; 
Ziel und Mass. Und wenn wir zur Erwerbung wahrei 
geistigen Bildung als letztes Gut die Ergreifung des 
Schönen und vor allem auch in seiner reinsten Darstellung, 
der Musik betonen,' so kann dieser Otto Ludwig, wie kaum 
ein Anderer, Vorbild und Leiter sein. Sein Schaffen war 
zwar in Hinsicht der entscheidenden künstlerischen Dar-^ 
Stellung nicht volle Wahrheit, aber selbst sein Fehler, sein 
Irren, .sein Ueberschuss sind ebensoviel Meilenzeiger auf dem 
Weg zu dieser Wahrheit der Kunstdarstellung selbst. 

Dass aber, um schliesslich auch dies zu constatiren, nicht 
das Object an sich es ist, was einer lebendigen und in ihrer 
Art sogar schönen Darstellung selbst in der Wissenschaft 
widersteht, dies beweist z. B. in dem gewiss der Kunst fern- 
stehendsten Gebiete der Jurisprudenz ein Mann wie G. 
F. Puchta. Seine „Pandecten" sind ein classisches Vorbild 
deutschen Styls in seiner Disciplin, klar, concis, compact, 
concentrirt und dennoch stets anschaulich und sogar unge- 
zwungen im Ausdruck, wie nur je im Corpus juris selbst, 
und wäre es vom feinen Celsius, etwas geschrieben worden 
ist. Und seine Arbeiten in den „Entscheidungen des k. 
preussischen Obertribunals'* könnten in den Erkenntniss- 
gründen wie in der Species facti getrost nicht etwa einem 
Jodocus Temme, sondern ganz ebenso einem G. Freitag und 
K. Gutzkow als Muster dienen. „So ein Referat müsse wie 
ein Roman sein," meinte in Ahnung einer Grundeigenschaft 
aller lebendigen Darlegung eines Gegenstandes unser unsäglich 
ungeistiger und sogar direct ungebildeter Gerichtsdirector. 
Bei Puchta war dies in solchem Masse der Fall, dass 
man umgekehrt wünschen möchte, unsere Romane seien wie 
ein solches juristisches Referat geschrieben. 



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- 7^ — 

Man erkennt *also, um nach dieser langen Abbiegung 
in die üppigen Gefilde moderner deutschen Schriftstellerei, 
zum Beschluss auf unsere Thesen und unser Postulat der 
Vertretung der Kunst, und ihrer Geschichte und Natur in 
unserer Bildung und an den wissenschaftlichen Bildungsstätten 
zu kommen: es gilt hier nicht etwa blos nur „ein Fach zu 
vertreten" und Kunstgeschichte oder gar Musikgeschichte 
zu lesen, wie man schon lange Literaturgeschichte liest. 

Sondern wie auch in dieser letzteren in einem gewissen . 
und sehr bedeutsamen Sinn und Masse ein universales 
Geistige liegt, das eben jedweden Gebildeten angeht, weil 
es einen Gradmesser der Bildung überhaupt abgibt und eine 
allgemeine Culturstufe, ein deutlich erkennbares Mass der 
höheren Errungenschaften der Menschheit darstellt, so kommt 
es zunächst bei dem Vortrag der Kunstwissenschaften und der 
Welt des Schönen darauf an, die Vorstellung von der 
Welt die hier waltet, den Begriff eines allgemeinen 
und allumfassenden Lebensgebietes zu erwecken, 
das eben nicht überflüssiger Schmuck oder gar blosse Ver- 
gnügung, sondern eine ganze Seite des Lebens und auf ge- 
wisse Weise das Ganze dieses Lebens selb«t ist. Es muss 
hier, wo es 'sich nicht um Heranbildung praktischer Künst- 
ler noch um Einführung solcher in das Wesen und die 
Entwicklung ihrer ' speziellen Kunst und noch viel weniger 
um Verbreitung irgend eines an sich gleichgültigen neuen 
Wissens und einer geistigen Mode sache handelt, wie dies 
seinerzeit mit der Literaturgeschichte und leider heute so 
vielfach mit der Kunstgeschichte der Fall gewesen: es muss 
hier gleichwie durch Mathematik und Logik gewissermassen 
eine allgemeine Zubereitung und Uebung der natürlichen 
Geistespotenzen angestrebt und ihr durch das Studium eines 
abgetrennten Faches so mannigfach gestörtes Gleichgewicht 
Avieder hergestellt werden. 

Wie nämlich eben Mathematik und Philosophie eine 
allgemeine geistige Schule sind und efstere vor allem das 
praktische Unterscheidungsvermögen, allerdings eine Grund- 
bedingung alles geistigen Seins uqd an sich eine Welt des- 



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~ 72 — 

selben, aber doch blos die Welt des "Verstandes und d^ 
sogenannten Intelligenz auszubilden hat, während die Logil 
zugleich das ganze synthetische Vermögen unseres Geistq 
herstellen oder doch üben soll : so hat die Lehre des Idea^ 
ganz wie in der Kindheit die Religionslehre nicht in bloj 
theoretisch- formalistischer, sondern in durchaus praktiscl 
anschaulicher Weise uns die Vorstellung von dem gesammtei 
geistigen und ethischen Dasein der Menschheit zu erzeug-ei 
.und uns nach Möglichkeit in der wirklichen inneren An| 
schauung ihres Wesens und ihrer Erscheinungen zu erhalten 
Sie muss auf praktisch-reale Weise durch Vorführung deij 
grossen Idealbilder, die von je die Menschheit von sich 
selbst erzeugt hat und fortwährend neu erzeugt, förmlich die 
halb erstorbenen oder doch seit unseren Kindestagen wenig 
gepflegten höheren Anschauungs- und Empfincjungskräfte 
neu zu beleben und dem jugendlichen Geiste seine volleil 
Fähigkeiten, die das Ganze des Daseins erfassende spontane 
Gemüths«. und intuitive Vorstellungskraft wieder in die Hand 
zu geben trachten, so wie die andern Geisteswissenschaften 
ihm den Intellect und die Unterscheidungskraft erweckt 
haben und stet« neu erwecken sollen. Und was für Er-i 
reichung dieses Zweckes nun namentlich auch die neuer- 
standene Disciplin der Musikwissenschaft bedeutet, braucht! 
nach dem Vorhergehenden um so weniger eigens betont zu 
werden, als wir ja heute die Wiedergeburt der Tragödie aus 
dem Geiste dieser Kunst gewissermassen .vor Augen erleben 
und selbst Fernerstehende und indifferent oder kalt sich 
Verschliessende wohl ahnen, welch neue Tiefen unserer 
Existenz nach Goethes Faust ein Werk wie die Neunte 
Symphonie Beethovens erschlossen hatte, auf deren innerer 
Natur und Bestrebung eben dieses neue Kunstschaffen 
R. Wagners wesentlich mitberuht. 

So stellt sich auf einfach praktische und ihm selbst leicht 
eingängliche Weise dem jungen Geiste die Harmonie wieder 
her, die ihm das gar zu weitgetriebene Schullernen und der 
nächste nützliche Zweck seiner geistigen Unterrichtung von 
heute naturgemäss nur zu sehr trüben müssen. Die Wissen- 



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- 73 - 

Schaft trennt ihn ferner nicht vom Leben und zerreisst ihm 
nicht dasselbe^ sondern führt ihn auf wahrhaft . das ganze 
Dasein umfassende Weise mitten in dasselbe hinein. Ja in 
ihrer letzten Wirkung und Verwendung setzt ihn solch wahre 
geistige Schulung und ideale Bildung dem wirklichen Leben 
gegenüber erst recht sattelfest auf das Ross, mit dem er 
das Leben erreiten soll, und erweist sich ihm nicht als ein 
windiger Pegasus, wie allerdings bisher in der Zeit der 
Blüthe der ästhetischen Thees und der kunst- und literar^ 
historischen Dilettanterei nur zu oft die Lehre des Idealen 
auf Akademien und Universitäten es war. Wahre Idealan- 
schauung und freie Daseins empfindung führen wie 
die Religion erst ganz in das Leben hinein, zerstören 
dessen blosse Wahngebilde, und drücken uns sein Sicheres 
und Dauerndes sicher in die Hand. 

Es wird ferner unserer einseitig streng wissenschaft- 
lichen Fachbildung auf solche Weise eine Ausgleichung der 
Kräfte bereitet, die sich später im Thun und Leben erst 
recht bedeutsam und fruchtbar erweist. Denn wer ver- 
nommen und erkannt hat, dass das Leben mit allen Organen 
erfasst und mit dem Ganzen des geistigen Vermögens 
angeschaut werden muss, wenn es sich wirklich erschliessen 
soll, der wird sich im wirklichen Dasein auch nach diesem 
Gesetze des Lebens umthun und gebahren: er wird sich in 
seinem eigenen Thun als ein sicher in sich beschlossenes 
charaktervolles Ganze, als eine selbstständige Potenz bewähren 
und mit dem Verharrren und Streben in diesem wirklichen 
Leben selbst stets kräftiger, voller, ganzer werden. Während 
es sich andrerseits in unseren so hoch gebildeten Tagen 
sichtbarlich stets mehr erweist, dasß die unausgesetzt weiter 
um sich greifende einseitige Fach- und Zweckbildung die 
eigentliche und productive Geistesbildung zerstört und auf 
die Dauer nur Arbeitshände oder gar blosse Werkzeuge 
schafft! Und selbst wenn für sie der nutzende Sinn und die 
schaffende Hand momentan noch da ist, wie bald nutzen sie selbst 
sich ab, wie mechanisch leer und hohl umstarrt uns das Leben! 

Von einer „überflüssigen Verwendung" für eine solche 



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— 7^ — ^ ! 

bessere oder vielmehr erst eigentliche „ästhetische Cultur* 
kann also nicht Rede sein, wo die Wurzel unserer geistiger 
Kraft selbst mitzubilden und kräftiger treiben zu^ machen 
angefangen werden soll Es wird nicht allein der Ertrag 
unserer, allgemeinen geistigen Bildung gesteigert, das Capital 
selbst wird in gewisser Weise erhöht, wie überall wo ich 
die Verwendung der Mittel, also die Kraft selbst erst zu 
freiem Besitz in die Hand gebe. Und wie das seit Jahr- 
zehnten überall auf unseren Universitäten und anderen Hoch- 
schulen entstehende Verlangen nach solcher Idealbildüng in 
einem höheren und freieren Sinn, als es bei der früheren 
Gelehrtenbildung der Fall war, unsere heimische Wissenschaft 
selbst ehrt und ihr stets neu quellendes Leben darthut, so 
wird die factische und praktische Befriedigung desselben, 
sowie dieselbe immer mehr von unserm nationalen Bildungs- 
bestreben zu erwarten ist, auch den deutschen Geist und 
sein unermüdetes Ringen nach Totalität der Bildung und 
einem harmonisch freien geistigen Dasein in neuer 
Weise ehren und unseren Bildungsanstalten wie dem Leben 
selbst stets neue Quellen der Bildung und der Kraft zuführen, 
damit wir unsere Mission in dem Kreise der Völker und in 
der Entwicklung unseres Geschlechts überhaupt mit stets 
erfrischten Kräften zu erfüllen vermögen. 

Und wenn wir zum Schluss getroster Hoffnung unseren 
deutschen Cultus- und Unterrichtsministerien zurufen: Quod 
dii vertant bene!*' so steht uns ebenso Zuversicht winkend 
das Wort eines ersten Genius der Nation vor Augen, das 
wir auf den Genius unserer Nation selbst zu deuten haben, 
wenn Sturm, Bedrängung und Wirrsal aller Art ihn von der 
alten heiligen Bahn der^ Pflege und Bildung seiner selbst 
abbringen wollen, jenes herrliche Trostwort Gcethes: 

„Doch er stehet männlich an dem Steuer, 
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen; 
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen: 
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe, 
Und vertrauet, scheiternd oder landend, 
Seinen Göttern!" 



Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig. 



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Inhalt. 



I. Thesen. 

Religion. Wissenschaft. Kunst 3 

II. Aesthetische Cultur. 

Kunstverständniss. Künstlerische Bildung. D. Strauss und Agnese 
Schebest. Die religiöse Vorstellung. Mythus und Sage. Märchen 
und Volkslied. Literatur und bildende Kunst. Geschichte. Alte 
«nd neue . Universitäten. Musik. Ihr Wesen, Schopenhauer. 
Beethoven über Musik. Gervinüs über Instrumentalmusik. Deren 
Werth und Wesen in ihrer geschichtlichen Entwicklung. . . ; . 10 

III. Die Kunst an unseren Bildungsanstalten. 

Liebig. Abeken. Religiöse und ethische Bildung. Künstlerischer 
Dilettantismus. ' Kunstschulen. Knaus. Kaulbach. Conservatorien 
der Musik. Kunstwissenschaft. Goethe und die moderne Aesthetik. 
Lotze. Wissenschaft und Kunst. Der „schöne Styl." Gervinüs. 
D. Strauss. O. Jahn. F. Th. Vischer. K. Gutzkow. G. Freitag. 
J. Temme. O. Ludwig. G. F. Puchta. Die praktische Verwerthung 
des künstlerischen Anschauungsvermögens für die allgemeine geistige 
Bildung. . ► 39 



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Uafsteilmig tltir ). 



Dr. W. W 



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Dns Geistesleben der Ziikvinit 

orrenhiirufisr^n und Fnnw>hiiii 
iibct Er 

DR. THEOO. Sip 

S (lofe«. S. «leg. hr. l : 

Thematischer Leitfaden 

i^f Mutik lu Rieh. W 

ÜEH f^ING DES I^iBELUNC 

Hans v. Wolzogen, 

//j^ B Bögen, Ö. gfcli. 2 M^ ükg. gel- 

Poetische Lautsymbolik. 

SjtTAchtaiiie im Suibrcinte aus K- »> .ij^jh.* > .. 
verjiidiswtfi*e bestimm« 

J4ans von ^^ olzogen. 



'/J/^ XrmföJi fri Bayreuth imd ilß "^ 

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Haas von Wolzogen. 



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